Berlin : Udo Lehmann (Geb. 1943)

Ein Erfolgsmanager der Sonderklasse, im Hauptberuf Postbeamter.

Gregor Eisenhauer

Wer ist schon der FC Bayern München, wenn es um die Zahl der Pokal- und Meisterschaftstitel geht. Die Wasserfreunde Spandau 04 Berlin wurden in den letzten 29 Spielzeiten 27 Mal Deutscher Meister, 24 Mal holten sie den Pokalsieg, zwölf Mal den nationalen Supercup und vier Mal den Europapokal – das mit einem Etat, bei dem andere, vermeintliche Erfolgsmanager, abschätzig von „Peanuts“ reden würden.

Herz und Seele des Erfolgs war, neben den Trainern, Udo Lehmann, Mr. Wasserball, ein Erfolgsmanager der Sonderklasse, im Hauptberuf Postbeamter.

Anpacken hatte er von früh auf gelernt. Als der Kiez rund um den Achenbachplatz und die Lutherkirche in Trümmern lag und Nachbarschaftshilfe was galt. Der Tante-Emma-Laden, die Bäckerei, der Schuster, die Eckkneipe: das war sein Kiez, lebenslänglich.

Der Vater war Schneidermeister, die Mutter Hausfrau, beide legten Wert auf Anstand und Solidität. Der Bruder wurde Polizeibeamter, und Udo Lehmann ging zur Post. Paketzustellung und später Briefkastenüberwachung. Wenn es ihn in die Ferne zog, ließ er sich in einen anderen Postbezirk versetzen.

So kam er für Wochen an den Bodensee, wo er seine Frau kennenlernte: Sie Protestantin, er Katholik, aber Berührungsängste kannte er keine. Oder bei den Olympischen Spielen 1976: da war er drei Monate Postbeamter in München, der Stimmung in der Stadt wegen.

Nach vierzig Jahren hielt die Post seine Arbeit nicht mehr für nötig, und er wurde in den Vorruhestand geschickt. Ein Glück für ihn, denn es blieb mehr Zeit für den Wasserball.

Angefangen hatte alles mit einem Lederball und gelegentlichem Training in der Havel. 1955 wurde er Spandauer Wasserfreund, anfangs stand er selbst im Tor, aber seine Reflexe waren nicht die besten, also wurde er sportlicher Leiter und blieb es bis zum Ende.

Funktionärsschelte ist so billig zu haben wie Politikverhöhnung am Stammtisch: Alle wissen es besser, aber keiner will was tun.

Nicht so Udo Lehmann. Der war immer zur Stelle, jederzeit. Und wenn ihm zuweilen die Sprachkenntnisse fehlten, dann gestikulierte er, und wenn das nicht mehr half, lachte er.

Diese Reisen nach Budapest, Moskau, Sofia, Belgrad, das waren abenteuerliche Fahrten zuweilen, aber die Wasserballer waren überall gern gesehen, „Diplomaten in Badehose“, die in Zeiten des Kalten Krieges mehr für die direkte Völkerverständigung taten als ihre Kollegen im Frack.

Sofern sie nicht siegten, denn dann konnte es passieren, dass sie noch am Tag des Wettkampfes mit dem Pokal wieder aus Moskau abreisten, weil die Gastgeber auf die Feier verzichteten.

Udo Lehmann bereiste mit den Wasserfreunden und später mit der Nationalmannschaft fast die ganze Welt, aber als er bei den olympischen Spielen in Athen mit der Mannschaft ins Stadion einmarschierte, da hielt er den Atem an. Peking war sein großer Traum. Und natürlich die nächste deutsche Meisterschaft.

Die wurde immer mit einem Autokorso gefeiert, vom Flughafen Tegel nach Spandau, oder mit einer Kolonne Sportwagen, mit Pferdekutschen oder eskortiert von den weißen Mäusen. Bei der Feier am Abend, da gab er den Ton an, eine kräftige Tenorstimme, textstark war er, anstimmen konnte er und vorsingen, schließlich war er schon als Junge in den Männergesangverein Spandau eingetreten.

Der erste Schatten, der auf sein Leben fiel, verdunkelte alles. Diagnose Krebs, Metastasen, unheilbar.

Er wollte es nicht wahrhaben, und die Ärzte ließen ihm die Zuversicht. Ein Jahr hat er gekämpft, sich zusehends gequält.

Bei seinem letzten Meisterschaftsspiel im Forumbad saß er im Rollstuhl. Er war sich sicher: Die Jungs holen das Ding. Und die Jungs holten das Ding.

Wie immer gab es einen Autokorso. Diesmal allein für Udo Lehmann. Mannschaftskameraden trugen den Sarg zum Wagen, dann ging es von der Nikolaikirche zum Friedhof, ein letztes Mal quer durch seinen Kiez. Gregor Eisenhauer

0 Kommentare

Neuester Kommentar