Berlin : Über 13 Stufen ins Mittelalter

An der Marienkirche entdeckten Archäologen einen Friedhof und erhoffen sich nun Aufschluss über das frühe Berlin

Mirco Stodollick

Ein unscheinbarer Eingang an der Südostecke der Marienkirche. 13 Stufen führen hinunter in den Heizungskeller. 13 Stufen als direkter Weg ins Mittelalter. Gelber Sand liegt auf der steinernen Treppe, aber auch Skelettstücke. Die hat Ausgrabungstechniker Uwe Michas vom Landesdenkmalamt hier erstmal zur Seite gelegt. Sie lagen versprengt im lockeren, fürs Spreetal typischen Sand, der in den vergangenen Wochen eimerweise im Kellerraum abgetragen wurde.

Doch die Schufterei mit Schippe und Spaten hat sich gelohnt: Uwe Michas und Corinna Cordes, die die archäologischen Grabungen als Zeichnerin dokumentiert, haben bereits acht Gräber entdeckt, auch die Skelette sind im kalkreichen Boden gut erhalten geblieben. Ein Blick in die Stadtgeschichte: Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei den bislang geborgenen Toten um die erste Siedler-Generation des Marienviertels, eines der ältesten Stadtviertel Berlins. Der herausragende archäologische Fund könnte offene Fragen der frühen Stadthistorie beantworten.

Schon bald nach Beginn der Grabungsarbeiten vor drei Wochen stießen Uwe Michas und Corinna Cordes auf festere Strukturen im Boden. Die dunklen Verfärbungen im Sand hatten Format, und zwar das eines kleinen, engen Sarges, dessen Holz über hunderte Jahre eins geworden ist mit dem Boden. Dem grabungserfahrenen Uwe Michas war sofort klar, dass er rund zweieinhalb Meter unter der Erdoberfläche auf einen uralten Friedhof gestoßen war.

Rund um die Marienkirche erfuhr die noch junge Doppelstadt Berlin-Cölln im 13. Jahrhundert ihre erste Erweiterung. Dass dort bedeutende archäologische Funde zu entdecken sein würden, stand ohnehin nicht in Frage. Nur blieben die Schätze des Erdreichs bislang unangetastet, weil die Berliner Denkmalbehörde nur an Orten einschreitet, wo ohnehin gebaut wird. Nun soll im Heizungskeller der Marienkirche der Fußboden gesenkt werden.

Uwe Michas ist begeistert: „Wenn man weiß, dass man der Erste ist, dann ist man schon beeindruckt. Das hier ist keine schnöde Routine.“ In feiner Handarbeit, mit Pinsel und Kratze, legt das Grabungs-Duo zurzeit die historischen Funde frei. Jedes Detail ist für die beiden von Interesse. So deuten die im lockeren Sand gefundenen Knochenstücke darauf hin, dass bereits beim Anbau des Kellergebäudes vor gut 200 Jahren dieser Teil des Friedhofes umgewühlt wurde. „Da war aber kein Archäologe dabei“, sagt Uwe Michas, „das hat man gesehen.“ Mehrere Beutel mit nicht zusammenhängenden Skelett-Teilen hat Michas sichergestellt.

Der Anbau hat seine Spuren hinterlassen, auch bei einigen der acht gut erhaltenen Gräbern. In der hinteren Raumecke hat der Grabungstechniker ein Skelett freigelegt, das in Höhe des Rumpfes von der Kirchenmauer durchtrennt ist. Direkt am Fuß der Treppe erhebt sich neben einem Kinderschädel ein Skelett aus dem Sand, dessen Wirbelsäule ganz krumm ist. Der Kiefer hat eine Fehlstellung, die Zähne sind verschlissen, ein Weisheitszahn muss fürchterlich geschmerzt haben. Uwe Michas glaubt, dass dieser Mensch sehr alt geworden sein muss. Doch „alt“ ist relativ. „Ich mit meinen 45 wäre im Mittelalter schon ein Tattergreis gewesen“, lacht der Archäologe.

Tote sprechen nicht. Und doch erzählen sie Geschichte(n). Vieles spreche dafür, sagt Uwe Michas, dass unter den Kirchenmauern die ersten Siedler des Marienviertels begraben liegen. Die vernagelten Särge, aber auch Keramikstücke und Steinabschläge des Kirchenfundamentes seien Indizien dafür. Sind die Toten tatsächlich stumme Zeitzeugen der frühen Stadterweiterung, dann könnte es nach Uwe Michas möglich sein, die uralte stadthistorische Forschungsfrage, wann Berlin die Stadtrechte verliehen wurden, zu beantworten. Denn Historiker gehen davon aus, dass die Verleihung der Stadtrechte mit der Erweiterung Berlins um das Marienviertel einherging. Bisher wird nur vermutet, dass die Stadtrechte um 1240 verliehen wurden.

In ein bis zwei Wochen glaubt Michas die Ausgrabungen an der Marienkirche beenden zu können. Dann machen sich Anthropologen an die Arbeit, um zu bestimmen, wie alt die Gebeine nun wirklich sind.

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