Berlin : Über den Dächern von Berlin

Der Armenier Ruben Atoyan pflegt eine alte, fast vergessene Kunst: das Zeichnen von Stadtpanoramen

Lothar Heinke

Die ganze Wucht der Stadt im Jahr 2002 mit ihren Häusern, Schlössern, Museen, Neu- wie Altbauten, Straßenzügen und grünen Flecken, nach dem wirklichen Leben aus der Vogelperspektive gezeichnet und im Poster-Format 70 mal 100 Zentimeter gedruckt auf den Markt gebracht – ein Armenier aus Minsk machte das möglich: Ruben Atoyan. Der Mann mit dem Zeichentalent und leidenschaftliche Sammler alter Karten arbeitete als Kartograph an Instituten für Landvermessung in Jerewan, Minsk und Moskau. Mitte der neunziger Jahre kam er auf die Idee, Panoramakarten heutiger Städte zu zeichnen. In einer Danziger Bibliothek lernte der Freund alter Stadtpläne eine Frau kennen, die sein Hobby teilte und ihn ermunterte, ihre Heimatstadt Danzig zum tausendjährigen Jubiläum zu zeichnen. Die Frau, Elzbieta Kuzmiuk, war Gründerin und Chefredakteurin des Warschauer Verlages Terra Nostra. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit begann. Atoyan zeichnete Panoramakarten von Danzig, Krakau, Warschau, Marienburg, Wilna, Kaunas, St. Petersburg, Moskau, Kiew, der Krim, von Minsk, Jerewan. Dann ging er mit Bleistift und Skizzenblock in die West-Welt – Jerusalem, Vatikan, Venedig.

Nun kam Berlin an die Reihe. Der polnische Verlag wollte „die sich am dynamischsten entwickelnde Hauptstadt Europas“ verewigt wissen und fand als Partner die Berliner Projektagentur Bien & Giersch, die sich als Herausgeber alter und neuer Panorama- und Luftbildkarten Berlins einen Namen gemacht hat. Ulrich Giersch war Feuer und Flamme: Dies würde die erste im 21. Jahrhundert gezeichnete und veröffentlichte Panoramakarte der Hauptstadt sein. Sie zeigt 34 Quadratkilometer Berlin zwischen City-West und Mitte. Die letzte handgemalte Karte mit einem variablen Perspektivmaßstab der im Horizont verschwimmenden Stadt stammt aus dem Jahre 1900.

Wie zuvor machte sich der Künstler zunächst mit den umfangreichen Produkten seiner Vorgänger vertraut, also mit alten Stadtplänen, Panoramakarten und Grafiken. Dabei war übrigens festzustellen, dass im 19. Jahrhundert die meisten Panoramakarten Berlins – einige haben wir ja für unsere Leser in den letzten Wochen beigelegt – von Tiergarten aus in Richtung Stadtschloss gemalt wurden. Ruben Atoyan, der alles mit der linken Hand erledigt, zeigt dagegen den Ost- und den Westteil der Stadt gemeinsam: Tiergarten und Brandenburger Tor befinden sich in der Mitte. Ringsum dehnt sich ein Gebiet von acht mal vier Kilometern mit der drei Kilometer langen Friedrichstraße und den 1,5 Kilometer langen „Linden“. Das historische Viertel von Mitte wurde in der Perspektive etwas vergrößert, um die Sehenswürdigkeiten effektvoller abzubilden. Vom Potsdamer Platz Richtung Westen wurde die Perspektive verkleinert, wodurch die Gegend um den Bahnhof Zoo bis hin zum Schloss Charlottenburg am Horizont gezeigt werden konnte. Gekrönt wird das Panoramabild mit der Qudariga, den Rahmen bilden der Turm des Roten Rathauses und die Siegessäule.

Zwei Monate lang wanderte der Maler täglich von früh bis spät durch Straßen, über Plätze und auch in die kleinsten Winkel Berlins. Er blieb vor Gebäuden stehen, um mit Akribie ein vielfach verkleinertes Bild mit allen Details zu zeichnen. Er skizzierte Umrisse oder Silhouetten zwei- und dreidimensional. Ruben zählte Fenster, notierte Maße und Entfernungen. Bei einer Vogelschau ist es natürlich nötig, auch die Dächer zu zeigen. Ergo kletterte der Maler auf die höchsten Etagen von Gebäuden, stieg Türmen aufs Dach und notierte die Farbgebung von Dachziegeln und Schornsteinen. Verlagschefin Elzbieta Kuzmiuk fotografierte zudem von hohen Gebäuden mehr als 700 Aufnahmen.

Die akribische Zeichenarbeit dauerte länger als ein Jahr. Zunächst trug der Künstler aufs Endformat von 100 x 70 Zentimetern die Skizze auf und verfeinerte sie mit Aquarellfarbe. „Um das gegenwärtige Stadtbild realitätsgetreu darzustellen, verbreiterte der Künstler die Straßen und zeigte dadurch mehr die Fassaden der Häuser“, sagt die polnische Verlegerin und verweist auf ein „erfreuliches Problem“, das Ruben Atoyan nur hier antraf: „Das Bild mancher Straßen und neuer Bauten veränderte sich, noch bevor der Künstler seine Zeichnung zu Ende gebracht hatte.“ Aber einmal musste Schluss sein. So zeigt die Karte das bunte Berlin im Sommer 2002. Alles stimmt. Nur das doppelte Heinrich-Heine-Denkmal im Kastanienwäldchen fehlt, wenn man durch die (mitgelieferte) Lupe guckt – aber der Dichter kam wirklich erst nach dem Redaktionsschluss.

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