Berlin : Über die Linie

Erstmals nach der Düsseldorfer Kokain-Party zeigt sich der Maler Jörg Immendorff heute in der Öffentlichkeit – zur Eröffnung seiner Ausstellung in der Sophienstraße

Bernd Matthies

Es sollte eine ganz normale, sorgfältig geplante Vernissage mit handverlesenen, kunstinteressierten Gästen werden, wie es viele gibt im Galerienviertel um die Sophienstraße – doch nun sieht es eher nach einem mittelschweren Medienereignis aus. Schuld an dieser Situation ist der Künstler selbst, Jörg Immendorff, der gerade mit einer von der Polizei gesprengten Kokain-Party Schlagzeilen machte: Heute Abend wird er zum ersten Mal nach der seltsamen Düsseldorfer Nacht in der Öffentlichkeit auftreten, und zwar zur Eröffnung seiner Ausstellung „Aualand“ in der Galerie „Contemporary Fine Arts“ in der Sophienstraße 21 in Mitte. Aniko Beitschler von der Galerie sagte, man habe das Ereignis seit rund einem halben Jahr geplant und eine Absage nie in Erwägung gezogen; am künstlerischen Rang Immendorffs gebe es keine Zweifel, alles andere sei seine Privatsache. Er komme allein ohne seine Frau und sei bereits in Berlin.

Es werde sehr voll werden, vermutete Beitschler, aber man hoffe, die Situation mit eigenen Mitteln bewältigen zu können und habe keine professionellen Sicherheitskräfte engagiert. Genaue Vorstellungen über das Fassungsvermögen der Räume gibt es aber nicht, denn die werden am Freitag erstmals in Betrieb genommen, „so zweihundert bis zweihundertfünfzig Leute passen da sicher rein“.

Wer heute nicht mehr in die Galerie passt, hat möglicherweise am 14. Oktober erneut Gelegenheit, den skandalumwitterten Künstler zu sehen, denn dann wird der zweite Teil der Ausstellung eröffnet. Ab Freitag bis zum 11.Oktober werden zunächst Bilder Immendorffs aus den Jahren 1965 bis 1984 gezeigt, während der zweite Teil Werken aus den Jahren 1985 bis 2003 vorbehalten ist, beispielsweise einem Bild mit dem Titel „Für dunkle Tage“.

Der internationale renommierte, von Bundeskanzler Schröder besonders geschätzte Künstler war von der Polizei kürzlich bei einer Razzia im Düsseldorfer Steigenberger-Hotel gestellt worden. Elf Gramm Kokain lagen nach Angaben der Staatsanwaltschaft in der Suite bereit, schon in Linien fertig auf einem Silbertablett ausgebreitet. Über die anwesenden jungen Frauen hieß es feinsinnig, sie seien „dem äußeren Erscheinungsbild nach dem Milieu zuzuordnen“. Wegen Drogenbesitzes droht ihm nun eine Haftstrafe von mindestens einem Jahr und der Entzug seiner Professur an der Düsseldorfer Kunstakademie. Erst nach dem Vorfall wurde bekannt, dass er offenbar an amyotropischer Lateralsklerose, einer tödlich verlaufenden Nervenkrankheit, leidet.

Der 63-jährige Beuys-Schüler und gelernte Bühnenbildner Immendorff wurde mit seinen politischen Bildern bekannt, die inhaltlich um revolutionäre und demokratische Ideen kreisten. Zu seinen künstlerischen Themen zählt auch die Teilung von Deutschland, mit deren Folgen er sich in seinem expressiv-symbolischen Werk „Café Deutschland“ (1977) beschäftigte.

In den 70er Jahren reiste er häufig nach Ost-Berlin und traf sich dort mit dem Maler, Zeichner und Bildhauer Ralf Winkler, besser bekannt unter dem Künstlernamen A.R. Penck. Aus diesem Treffen ergaben sich Gemeinschaftsarbeiten unter der Bezeichnung „Kollektiv Immendorff-Penck“. Im Jahr 1984 eröffnete Immendorff die Paloma-Bar im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Im Jahr darauf stellte er seine große Plastik des Schauspielers Hans Albers fertig, durch die er einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde.

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