Berlin : Über sieben Formulare musst du gehn

Unterrichtsausfall: Bürokratie schreckt Schulen bei Suche nach Ersatzlehrern ab Im laufenden Schuljahr wurden bislang erst 200 Vertretungskräfte eingestellt

Thomas Loy

Das Thomas-Mann-Gymnasium in Mitte hat das Problem Unterrichtsausfall für dieses Schuljahr gelöst. 6 von 60 Lehrern waren wegen längerer Erkrankungen ausgefallen – „ein Extremwert“, sagt Schulleiter Jochen Pfeifer. Er telefonierte eine Liste ehemaliger Bewerber ab, später recherchierte er auf einer zentralen Liste der Schulverwaltung – auf 10 Anfragen bekam er einen Treffer. Weil Personalrat und Frauenvertreterin auf ein formelles Auswahlverfahren verzichteten, konnten zügig Arbeitsverträge geschlossen werden. „Das ging schnell. Die Formulare sind einfach auszufüllen.“

Früher, sagt Pfeifer, hätte er bei ähnlicher Notlage von der Schulverwaltung maximal einen Vertretungslehrer gestellt bekommen. Heute darf er sich selbst um Ersatz kümmern, im Rahmen eines festen Budgets. Das bedeutet mehr Arbeit, aber auch mehr Erfolg.

Während GEW und Schulverwaltung sich gegenseitig vorwerfen, die neue Regelung zur Vermeidung von Unterrichtsausfall zu blockieren, haben in der Praxis die Pragmatiker längst gehandelt. Ingrid Weber von der Witzleben-Grundschule in Charlottenburg setzt vor allem auf externe Honorarkräfte. Die sind eigentlich für zusätzliche Projekte außerhalb des regulären Unterrichts vorgesehen, aber wenn die Englischlehrerin krank ist, erzählt eben ein „Native Speaker“ aus Australien über sein Heimatland. „Das hat bisher gut geklappt.“ Fast 70 Wochenstunden müssen an der Grundschule derzeit durch Vertretungskräfte abgedeckt werden. Alle Reserven im Kollegium sind ausgeschöpft. Schulleiterin Weber hat es bisher vermieden, einen festen Vertretungslehrer einzustellen, wegen der vielen Bürokratie und der Mitbestimmungsregeln der Personalvertretung. Das schreckt die meisten Schulleiter ab. Berlinweit sind im laufenden Schuljahr nur 200 Vertretungslehrer eingestellt worden.

Rein formal hat beispielsweise die Gesamtfrauenvertreterin innerhalb von 14 Tagen ein Einspruchsrecht. Der Personalrat kann darauf bestehen, dass offizielle Bewerbergespräche abgehalten werden wie bei jeder unbefristeten Anstellung. Um das Verfahren abzukürzen, hat die Schulverwaltung vorgeschlagen, die Mitbestimmung einzuschränken. Die Gleichstellungsbeauftragten sollen nur noch zweimal im Jahr pauschal eine Bewerberliste absegnen. Dagegen wehrt sich die GEW. „Es sollen in diese Bewerberliste auch Lehramtsstudenten aufgenommen werden. Das wollen wir nicht“, sagt GEW-Sprecher Peter Sinram. Die GEW will vermeiden, dass in Mangelfächern wie Mathe und Physik – dort ist der Bewerbermarkt leer gefegt – unqualifizierte Leute und Quereinsteiger in den Schuldienst gelangen.

Auch ohne die geltenden Mitbestimmungsregeln sei das Verfahren zur Anstellung von Vertretungslehrern viel zu ineffektiv und bürokratisch aufgebläht, sagt Erhard Laube, Leiter der Schöneberger Spreewald-Grundschule. „Das kostet einen Schulleiter 40 Stunden, schon wegen der vielen Formulare.“ Die zentrale Bewerberliste werde nicht aktualisiert und enthalte zu viele Karteileichen.

Ludger Pieper von der Senatsschulverwaltung räumt ein, dass die zentrale Bewerberdatei – derzeit sind mehr als 1000 Interessenten registriert – „eine Schwäche“ ist. Deshalb sollen die Schulen ja eigene Listen anlegen. Auf die Anstellungsformalitäten könne man im öffentlichen Dienst aber nicht verzichten. Sieben Formulare müssten ausgefüllt werden, Erklärungen zu den Bereichen Stasimitarbeit, ansteckende Erkrankungen, Vorstrafen, vorherige Anstellungen, ein Personalfragebogen und der Arbeitsvertrag selbst. Eine halbe Stunde dauere das, sagt Pieper, wenn man darin geübt ist.

Berlin steht mit diesem Konflikt nicht allein da. In Hessen balgen sich GEW und Schulverwaltung noch viel heftiger um die Einstellung von Vertretungslehrern. Nach dem Modell „Unterrichtsgarantie plus“ der CDU-geführten Landesregierung können die Schulleiter auch Handwerksmeister oder „pädagogisch talentierte Mütter“ als Vertretung einstellen, noch bevor das Mitbestimmungsverfahren abgeschlossen ist.

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