Berlin : Über Tröster im Regal und Denken bei Tische

Bruno Preisendörfer

Wer O. J. Simpson ist oder Mike Tyson, muss wahrscheinlich nicht erklärt werden. Diese Namen wurden uns monatelang eingehämmert und regelrecht in Medienlabel verwandelt, während die dazugehörigen Leute in den USA vor Gericht standen. Wer aber ist Alan M. Dershowitz? Ebenfalls eine Berühmtheit, jedenfalls am Ort der Handlung, oder der Verhandlung. Dershowitz ist ein "Staranwalt", der eben Simpson und Tyson verteidigt, oder auch Mia Farrow gegen Woody Allen vertreten hat. 1938 in Brooklyn als Kind orthodoxer jüdischer Eltern geboren machte er eine rasante Karriere im amerikanischen Rechtswesen. Zu den Eigenarten amerikanischer Strafprozesse gehört der theatralische Überschuss, der die Verhandlungen dramatisch auflädt und zum Spektakel macht. Diese ästhetische Dimension, die rechtspolitisch eigentlich fragwürdig und eine der Ursachen vieler mörderischer Fehlurteile ist, hat sogar ein eigenes Hollywood-Genre hervorgebracht, den "Gerichtsfilm", in dessen Mittelpunkt fast immer ein leidenschaftlich engagierter Anwalt steht. Dershowitz ist ein brillanter Rhetoriker, und so kann man sich auf einiges gefasst machen, wenn er am Dienstag um 20 Uhr in der Akademie der Künste aus seiner in den Staaten überaus erfolgreichen Autobiografie "Chuzpe" liest. Sein Sekundant ist Henryk M. Broder, auch einer, der nicht auf den Mund gefallen ist.

Lesen und Denken, Zwischentip für ein Stündchen bedächtiges Sinnieren zu Hause: "Ein Mann sitzt an einem Tische. Auf dem Tische liegt ein Buch. In dem Buch hat der Mann gelesen. Der Mann denkt nach. Ich lese in diesem Buche. Nachher mache ich das Buch zu. Dann muss ich nachdenken, was ich gelesen habe. Das Buch liegt vor mir. Das Denken ist in mir. Das Buch kann man mir wegnehmen. Das Denken kann man mir nicht wegnehmen." Die Passage stammt aus "Neues A.B.C. Buch, welches zugleich eine Anleitung zum Denken für Kinder enthält mit Kupfern von Karl Philipp Moritz. Professor bei der Academie der bildenden Künste in Berlin. Berlin, 1790." Das kleine Dingchen mit seiner anrührenden Moritz-Denke ist jetzt in einer hübsch gestalteten Ausgabe im Kunstmann Verlag neu herausgekommen.

Und auch das noch schnell zwischendurch: Morgen vor hundert Jahren wurde Erich Fromm geboren. Die große Zeit seiner Bücher ist vorbei, wie ja überhaupt die Psychoanalyse intellektuell lange nicht mehr die Rolle spielt, die sie etwa in den 60ern, 70ern und sogar noch in den 80ern hatte. Fromm war der Kitschbold der kulturtheoretisch orientierten Psychoanalyse. Seine Unterscheidung zwischen "Sein" und "Haben" hat Generationen von Studenten getröstet und steht bei vielen, die es nach der Hingabe ans "Sein" dann doch lieber "zu etwas gebracht haben", in den Bücherregalen.

Garcia Lorca mit Gitarre: Am Montag um 20 Uhr 30 findet bei L & P classics (Knesebeckstr. 33) ein Lyrikabend statt. Titel: "Honig ist süsser als Blut." Der Schauspieler Gerd Wameling rezitiert Lorca-Gedichte, der Essayist Christoph Klimke liest aus seinem Lorca-Essay. Pia Nußbaumer und Frank Riedel spielen Gitarrenduos. Heute abend um 20 Uhr liest Andre Dubus III in der Literaturwerkstatt aus seinem Roman "Haus aus Sand und Nebel". Verlorene Illusionen, geplatzte Träume, schal gewordene Hoffnungen - und das alles rund um einen Bungalow auf den Hügeln von San Francisco, der nach einer Zwangsversteigerung in den Besitz einer iranischen Familie übergeht.Aus der Serie "Babel & Co"

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