Berlin : Überfälle am Fließband

Jugendlicher raubte 16 Drogeriemärkte aus – angeblich im Auftrag des Stiefvaters

Kerstin Gehrke

Die Kassiererin schaute in ein lachendes Dieter-Bohlen-Gesicht. Doch die Stimme passte nicht zur heiteren Pappmaske. „Geld her!“, forderte der maskierte Mann und bedrohte die Frau mit einem Revolver, dem man nicht ansehen konnte, ob er harmlos oder scharf geladen war. An jenem Montag im Dezember 2004 begann die Raubserie um den damals 17-jährigen Jean aus Hohenschönhausen. Knapp fünf Monate später wurde er geschnappt. An einem Freitag, den 13. Da kam Jean gerade von seinem 27. Überfall und hatte 4 280 Euro in einem „Schlecker“-Markt in Lichtenberg erbeutet.

Der mutmaßliche Serienräuber Jean N. (Name geändert) muss sich seit gestern vor dem Berliner Landgericht verantworten. Mit auf der Anklagebank sitzen sein 16-jähriger Kumpel und fünf Erwachsene. Einer davon ist der Stiefvater des Hauptangeklagten. Jörg M. soll versucht haben, mit Jean leicht an Geld und ein Leben in Saus und Braus zu kommen. Er habe seinen Stiefsohn „teilweise dazu bestimmt, maskiert in die jeweiligen Geschäfte einzudringen und diese unter Vorhalt einer Schreckschusspistole auszurauben“, heißt es in der Anklageschrift. Denn Jean hatte für den Fall einer Festnahme als Jugendlicher nur mit einer geringen Strafe zu rechnen.

Der Stiefvater, ein kräftiger Mann mit kantigem Gesicht und fast kahlem Kopf, musterte seinen Stiefsohn, der auf der anderen Seite des Gerichtssaales saß. Jean wagte keinen Blick zum Stiefvater, den er mit seiner Aussage auf die Anklagebank gebracht hat. Über seinen Verteidiger ließ er mitteilen, dass er sich vor ihm fürchte. Ein Freund des Stiefvaters habe Jean eine Morddrohung überbracht. Der Verteidiger des Jugendlichen beantragte, die erwachsenen Angeklagten während der Aussage von Jean aus dem Gerichtssaal zu entfernen.

Jean N. war meistens mit einem 16-jährigen Komplizen unterwegs, manchmal auch mit einem der Erwachsenen. Diese hatten jeweils Schmiere gestanden oder den Fluchtwagen gesteuert. Mit der 24-jährigen Maria L. sitzt auch eine ehemalige Schlecker-Angestellte vor Gericht. Sie soll – als damalige Freundin von Jörg M. – den Räuber Jean erkannt und Schweigegeld verlangt haben. Laut Anklage soll der jetzt 18-jährige N. bis Mai 2005 in Supermärkten, Tankstellen und Drogerien, davon 16 Schlecker-Märkte, insgesamt rund 45 000 Euro erbeutet haben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Stiefvater das Geld verteilte.

Nach seiner Festnahme legte Jean N., der aus einer zerrütteten Familie stammt und früh auf die schiefe Bahn geraten ist, ein umfassendes Geständnis ab. Das Geld soll er vor allem für seinen Drogenkonsum verbraucht haben. In den Vernehmungen der Kriminalpolizei nannte N. den Namen seines jungen Komplizen und belastete die mitangeklagten Erwachsenen. Diese sollen die Vorwürfe im Ermittlungsverfahren bestritten haben.

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