Berlin : Überflüssiges „gegenüber“

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Nach der Landtagswahl in Brandenburg sagte Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), es sei eine Lehre aus dem Wahlkampf, „dass wir Vorbehalte in der Bevölkerung gegenüber der Politik abbauen müssen“. Nichts gegen Platzecks Erkenntnis. Doch was heißt Vorbehalte gegenüber der Politik? Was für eine Gegenüberstellung? Gewiss gibt es Vorbehalte gegen Politiker und sogar ein tief sitzendes Misstrauen gegen die gesamte Politik. Aber gegen und gegenüber sind zweierlei.

Manche Wörter und Wendungen werden so inflationär und obendrein in falschen Bezügen benutzt, dass es ein Graus ist. Auch die Präposition gegenüber wird gedankenlos missbraucht. Man sollte dieses Verhältniswort sparsam gebrauchen. Oft ist es sowieso überflüssig.

Michael Glos, Landesgruppenchef der CSU im Bundestag, wurde in indirekter Rede mit den Worten zitiert, in den Protesten gegen Hartz IV und in den Wahlergebnissen in Brandenburg und Sachsen äußere sich das Empfinden der Menschen gegenüber harten Reformen. Wenn ich Glos richtig verstanden habe, wollte er sagen, dass die Proteste Ausdruck des Widerwillens gegen oder des Unmuts über Einschränkungen sind. Er sprach jedoch gefühlig von Empfindungen gegenüber harten Reformen.

Man sieht, bei Präpositionen kann man leicht etwas falsch machen. Bei dem Wort gegenüber ist häufig zumindest eine Silbe sinnlos, also fehl am Platz. In der Zeitung stand, Nicolas Zimmer, der CDU-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, „scheint gegenüber jeder Schulterklopferei ... Abneigung zu empfinden“. Man kann Abneigung gegen etwas und Freude über etwas empfinden. Wie käme ich dazu, Liebe gegenüber meinem Mann zu empfinden? Ich empfinde sie zu ihm. Ich las auch, der Kanzler habe in seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung der Friedrich Christian Flick Collection „den Sammler gegenüber dessen Kritikern in Schutz“ genommen. Gerhard Schröder hat also Herrn Flick gegen seine Kritiker oder vor seinen Kritikern in Schutz genommen.

Wir hören und lesen ständig, dass Politiker etwas gegenüber Journalisten oder gegenüber dem Parlament erklären. Sie tun es jedoch vor der Presse und vor dem Parlament. Sie geben auch nicht gegenüber einer Zeitung Auskunft, sondern schlicht einer Zeitung. Gegenüber dem Tagesspiegel ist der „Wintergarten“. Bei Koalitionsverhandlungen sitzen sich Politiker von Parteien gegenüber. Und nicht nur im Abgeordnetenhaus, das seinen Sitz gegenüber dem Gropiusbau hat, werden öfter die Begriffe verwechselt.

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