Berlin : Übergriffe schon an der Grundschule

Alarmierende Statistik: Die gemeldeten Gewalttaten nehmen zu. 1573 Vorfälle gab es im vergangenen Unterrichtsjahr

Tanja Buntrock,Susanne Vieth-Entus

Der Sportlehrer findet im Umkleideraum eine gegen ihn gerichtete Morddrohung, eine Lehrerin wird mit der Äußerung „Fick Dich ins Knie, Du Schlampe“ beleidigt, einer anderen springt eine verärgerte Schülerin in den Rücken: Schlaglichter aus dem vergangenen Schuljahr, die erahnen lassen, womit es Lehrer, aber auch (Mit-)Schüler an manchen Berliner Schulen zu tun haben. Einen Gesamtüberblick über die Entwicklung der Gewaltmeldungen gab gestern Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD).

Die Zahl der gemeldeten Gewaltvorfälle ist demnach im vergangenen Schuljahr um 76 Prozent auf 1573 Vorfälle gestiegen. In 46 Prozent der Vorfälle ging es um Körperverletzung, was einem Anstieg von 368 auf 724 entspricht. In 20,3 Prozent ging es um Bedrohungen. Hier wurden aus 160 knapp 320 Fälle. Gefährliche Körperverletzung wurde 262 Mal gemeldet gegenüber 204 Mal im Vorjahr. Von „gefährlicher Körperverletzung“ wird gesprochen, wenn mehrere Täter oder Waffen im Spiel sind. An Beleidigungen nennt die Statistik 56 Fälle (22 im Vorjahr) und an extremistischen Vorkommnissen 80 (62 im Vorjahr). So alarmierend der Anstieg auch wirkt – Zöllner wollte diese Zahlen nicht überbewertet wissen. Er geht davon aus, dass hinter der zunehmenden Zahl von Meldungen vor allem eine höhere Sensibilität der Lehrer und Schulräte steckt, die inzwischen auch Vorkommnisse publik machen, die früher eher intern abgehandelt wurden. Für diese Deutung spricht auch, dass die Statistik der Polizei am „Tatort Schule“ eine abnehmende Jugendgruppengewalt registriert.

Dennoch bleiben genügend beunruhigende Fakten übrig. So etwa der überproportionale Anstieg der Vorfälle in Grundschulen von 198 auf 501. Dahinter verbergen sich auch 115 Übergriffe auf Lehrer wie etwa der bekannt gewordene schwere Kreuzberger Fall, bei dem ein zwölfjähriger Schüler der Lehrerin einer anderen Schule derart ins Gesicht schlug, dass ihre Nase brach und sie schließlich ohnmächtig am Boden lag.

Insgesamt waren Lehrer 374 Mal Opfer. Was das im Einzelnen für deren weitere berufliche Tätigkeit bedeutet, ist kaum zu ermessen. In einer neuen Broschüre mit dem Titel „Handeln nach Gewaltvorfällen“ beschreibt der Spandauer Schulpsychologe Arno Winther die Gefahr, dass Lehrer neben körperlichen unter Umständen auch psychische Verletzungen erleiden, die mit einem „Verlust ihres Sicherheits- und Geborgenheitsgefühls“ einhergehen können. Die meisten Gewalttaten (300) wurden an Schulen im Bezirk Mitte registriert, gefolgt von Lichtenberg (201), Friedrichshain-Kreuzberg (176) und Neukölln (160). Die wenigsten Vorfälle gab es in Spandau mit 61. Rund 84 Prozent der Täter waren männlich, knapp elf Prozent weiblich. Der Rest waren gemischte Tätergruppen. Die meiste Gewalt gab es an Grund-, Sonder- und Hauptschulen. Gewalt an Schulen erfordere eine klare Diagnose, um Therapieansätze zu finden, sagte die Referentin für Gewaltprävention und Krisenintervention bei der Senatsschulverwaltung, Bettina Schubert. Dementsprechend werde mit einem Bündel an vorbeugenden Maßnahmen versucht, das soziale Klima an den Schulen zu verbessern.

Allein in diesem Schuljahr starten den Angaben zufolge vier weitere Gewaltpräventionsprojekte, die sich sowohl an Schüler als auch an Lehrer richten. Dazu gehört unter anderem ein Trainingsprogramm des Landeskriminalamtes Berlin gemeinsam mit dem Schulpsychologischen Dienst Mitte, in dem Lehrer in Deeskalationsstrategien und Techniken der Konfliktbewältigung fortgebildet werden. Das Meldeverfahren für Gewaltvorfälle an Schulen ist bundesweit bisher einmalig.

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