Berlin : Überlasst es den Trägerinnen!

Die Akzeptanz des Kopftuchs würde es entpolitisieren

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Von Claudia Koonz In den kommenden Monaten werden sich Juristen und Landesparlamentarier in Deutschland mit dem Hijab beschäftigen. Ist das Tragen des Kopftuchs ein von der Religionsfreiheit gesichertes Grundrecht oder eine politische Provokation, die verboten gehört?

Während sie darüber nachdenken, täten die Parlamentarier in den Bundesländern gut daran, sich die äußerst unterschiedlichen Ergebnisse der französischen und britischen Kopftuchdebatten vor Augen zu halten. Mit überwältigender Mehrheit stimmten die Parlamentarier in Frankreich Anfang 2004 für ein Verbot des Kopftuchs in öffentlichen Schulen, während britische Gerichte muslimischen Studenten Recht gaben, die darauf klagten, nicht nur ein Hijab tragen zu dürfen, sondern ein Jilbab, ein tschadorartiges Kleidungsstück, das nur die Augen und Hände frei lässt. Beide Vorgehensweisen sind Ausdruck einer klaren Strategie gegenüber nichtchristlicher Einwanderung: Frankreichs Laizismus bedeutet, dass alle Bürger und Institutionen jegliche Symbole einer religiösen oder ethnischen Identität ablegen müssen. Der Staat kennt keine ethnischen Unterschiede. Weil es damit auch keine Diversität geben kann, ist die Unwilligkeit der französischen Politik sehr verständlich, überhaupt Integrationsprogramme ins Leben zu rufen – oder auch nur die Existenz von Islamophobie anzuerkennen. Umgekehrt basiert die britische Politik auf dem Grundsatz, dass man nur Gleichheit schaffen kann, wenn man Unterschiede identifiziert und Engstirnigkeit bekämpft.

Sowohl die französische Monokulturalität als auch die britische Multikulturalität sind Ideale, die in der Praxis einiges zu wünschen übrig lassen. Bildungsdefizite und Arbeitslosigkeit sind in beiden Ländern hoch. Krawalle in den Innenstädten und auch die hohe Zahl von jungen Muslimen in den Gefängnissen sind Beleg für deren anhaltende Ausgrenzung. Aber das gesellschaftliche Angebot an junge Muslime könnte unterschiedlicher nicht sein. In Frankreich werden Bewerber für besser bezahlte Jobs routinemäßig abgelehnt, wenn sie „nichtfranzösisch“ wirken. Obwohl knapp zehn Prozent der französischen Bevölkerung Muslime sind, ist noch nie ein muslimischer Kandidat auf nationaler oder regionaler Ebene in ein Amt gewählt worden. In Großbritannien, wo Vorurteile nicht verschwunden sind, ist es ehrgeizigen Muslimen gleichwohl gelungen, auf der Karriereleiter nach oben zu klettern – zunehmend auch in der Politik. Obwohl Muslime nur 1,6 Prozent der britischen Bevölkerung ausmachen, gibt es vier muslimische Parlamentsabgeordnete, fünf Mitglieder des House of Lords, einen EU-Parlamentarier und 200 muslimische Ratsmitglieder.

In Frankreich und Großbritannien versucht die Politik einen Weg zu finden zwischen weit verbreiteter Fremdenfeindlichkeit und dem Bedarf an Einwanderung angesichts der demographischen Entwicklung. Wirtschaftliche Interessen stoßen hier auf Fremdenfeindlichkeit.

Wenn manchmal ein wenig abfällig von dem „Kopftuchtheater“ geredet wird, ist die Entscheidung durchaus ein symbolischer Indikator für Haltung nichtchristlichen Einwanderern gegenüber. In Deutschland leben 3 000 000 Muslime und die strengen Staatsbürgerschaftsgesetze und die trostlose Lebenssituation in den ethnischen Enklaven haben zu einer weit verbreiteten Ausgrenzung der Muslime geführt. Unwahrscheinlich, dass ihre Zahl zunimmt, weil die deutsche Bevölkerung abnimmt: Wenn die deutsche Geburtenrate so ansteigen sollte wie der europäische Durchschnitt, würden bis zu 300 000 Einwanderer gebraucht, um Deutschlands Bevölkerung bei 80 Millionen zu halten. Niemand will wütende junge Männer. Aber die Wirtschaft braucht fähige junge Männer und Frauen, die daran glauben, dass sie ihre Hoffnung auf ein besseres Leben umsetzen können.

Mit ihrer Haltung zum Hijab können die Deutschen entscheiden, welche Botschaft sie aussenden wollen. Ein Verbot würde dem Kopftuch automatisch eine staatlich sanktionierte Bedeutung geben: als Zeichen eines fundamentalistischen Islam. Das Gegenteil, die Akzeptanz des Kopftuchs, würde es seiner politischen Bedeutung berauben und dem Gesetzgeber die Möglichkeit geben, sich pragmatischeren Maßnahmen zur Integration zu widmen. Die Entscheidung über die Bedeutung des Kopftuchs wäre nicht dem (nichtmuslimischen) Gesetzgeber überlassen – sondern den muslimischen Mädchen und Frauen, die es tragen. Am wichtigsten jedoch: Der Anblick von Lehrern und Schülern, die ein Kopftuch tragen, wäre ein Lehre darüber, was Religionsfreiheit in einer toleranten Gesellschaft bedeutet.

Die Autorin ist Professor of History an der Duke University und derzeit Fellow der American Academy.

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