Berlin : Überlebenstraining vor dem Rückspiegel

Die Debatte um den toten Winkel hat Lkw-Fahrer aufmerksamer gemacht – es gibt weniger tödliche Unfälle

Annette Kögel

Auf Berlins Straßen sind in diesem Jahr bisher halb so viele Radfahrer tödlich verunglückt wie im Vergleichszeitraum 2003. Damals starben nach Auskunft der Polizei bis Anfang Oktober 20 Radler im Verkehr – dieses Jahr kamen bereits zehn Radfahrer ums Leben. In etwa der Hälfte der Fälle starben die Radfahrer im toten Winkel von Lastwagen, sagte Benno Koch, Fahrradbeauftragter des Senats und Landesvorsitzender das Fahrradvereins ADFC, am Donnerstag. „Dass die Zahl der Toten so stark sank, ist auch der breiten Diskussion in der Öffentlichkeit zu verdanken“, sagte Koch, „in keinem Jahr war den Berlinern das Thema Abbiegeunfälle und Sicherheit auf dem Fahrrad so präsent wie in diesem Jahr.“

Erst gestern wieder gab es einen Ortstermin in Sachen „toter Winkel“. An der Schönhauser Allee Ecke Milastraße mussten Radfahrer und Passanten vor einem Menschentross abbremsen: Dort wurden an einem Lkw der Firma Haberling die Unterschiede verschiedener Spiegelsysteme demonstriert. Unten auf dem Bürgersteig hatte sich eine Gruppe Hortkinder der 16. Grundschule Pankow versammelt, oben im Führerhäuschen blickte Lkw-Fahrer Torsten Rohloff in die Spiegel. „Ich finde ja, im Dobli-Spiegel vor der Frontscheibe ist mehr zu sehen“, sagt Rohloff. Die beiden mit einem neuen Weitwinkelglas der Firma Mekra versehenen rechten Außenspiegel fielen nach Ansicht des Mannes aus der Praxis dagegen ab. Doch Mekra-Vertriebschef Günther Engel hatte beim Einsetzen der Gläser leichte Schwierigkeiten, „die sitzen hier noch nicht perfekt“. Der Mekra-Mann und Dobli-Erfinder Wilbert van Waes aus Holland hielten sich derweil an Verkehrssenatorin Ingeborg Junge Reyer (SPD) und versuchten, sie mit Grafiken von den Vorzügen ihrer jeweiligen Spiegel zu überzeugen.

„Ich finde das großartig, dass es inzwischen sogar Konkurrenz um das bessere Spiegelsystem gibt“, sagte Frau Junge-Reyer. Die Senatorin lobte die vielen privaten Fahrer, das Fuhr- und Speditionsgewerbe für die Bereitschaft, Tote- Winkel-Spiegel nachzurüsten. Maßgeblich hat dazu Martin Keune beigetragen: Der Familienvater und Tagesspiegel-Leser hatte , aufgerüttelt durch die Berichterstattung über den Tod des neunjährigen Dersu Scheffler, eine Spendeninitiative zugunsten des Dobli-Spiegel gestartet, der in den Niederlanden an fast jedem Lkw hängt. In Berlin konnten so bislang 104 Dobli-Frontspiegel gratis abgegeben werden, 31 wurden gekauft. Mehrere Bezirksämter, das Technische Hilfswerk, die Feuerwehr, das Rote Kreuz Wedding und andere fahren damit. Die Firma Mekra aus Fürth hat gerade Order für zehntausende Spiegel aus Dänemark bekommen. Dort sind Tote-Winkel-Spiegel seit 1. Oktober Pflicht. Davon ist Deutschland noch weit entfernt. Doch auf Inititative des Landes Berlin hat der Bundesrat die Bundesregierung aufgefordert, die von der EU für 2007 geplante Neuregelung zum Sichtfeld von Außenspiegeln vorzuziehen. Zudem solle die Richtlinie nicht erst für Fahrzeuge ab 7,5 Tonnen, sondern bereits ab 3,5 Tonnen gelten – und auch für alte Fahrzeuge, lautet die Forderung der Bundesratsinitiative.

Radfahr-Lobbyist Koch mahnte unterdessen mehr Rücksicht an. In Ländern mit scheinbar chaotischerem Straßenverkehr wie Frankreich gibt es nur halb so viel Unfälle mit Personenschaden wie in Deutschland. Hierzulande denke man weniger mit, sagt Koch, und poche auf sein Recht – ob im Lkw oder auf dem Rad.

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