Überschuhe in Museen : Pantoffel-Pflicht in Museen - warum eigentlich?

In immer weniger Museen sind Überschuhe Pflicht. Die Filzpantoffeln sollen historische Böden schützen. Doch nicht alle Experten finden das sinnvoll.

von und Gudrun Janicke
Pantoffeldruck. Eine Besucherin geht in den Neuen Kammern in Potsdam durch die Ausstellung. Der Schutz für die Böden ist umstritten.
Pantoffeldruck. Eine Besucherin geht in den Neuen Kammern in Potsdam durch die Ausstellung. Der Schutz für die Böden ist...Foto: dpa

Gerade für Kinder ist es oft das Aufregendste bei der Besichtigung eines historischen Gemäuers: Wenn die Besucher im Eingangsbereich vom Aufsichtspersonal ermuntert werden, mit ihren Straßenschuhen in die großen grauen Filzpantoffeln zu schlüpfen, dann markiert das gleichzeitig auch gedanklich den Einstieg in eine weit zurückliegende Epoche. Schlösser und Herrenhäuser in Überzieh-Latschen zu durchstreifen, gibt kleinen wie großen Museumsgästen das Gefühl, sich durch die Geschichte zu bewegen. Mal ganz abgesehen davon, dass die Dinger auch ziemlich gut geeignet sind, um über glattes Parkett oder Marmor zu schliddern, fast wie im Winter auf einem zugefrorenen See oder auf der Eisbahn.

Vor 140 Jahren schon kamen erste Museumsbetreiber auf die Idee, Filzpantoffeln für ihre Besucher anzuschaffen, um so die wertvollen historischen Böden in den Baudenkmälern zu schützen. Latschen-Befürworter sind davon überzeugt, dass sich damit Schmutz aus den Räumen ferngehalten lässt. Kritiker dagegen befürchten, durch versteckte Steinchen in den Filzsohlen könnten noch größere Schäden angerichtet werden als durch normale Straßenschuhe. „Auf Marmor wirkt das dann wie Schmirgelpapier“, sagt beispielsweise Kerstin Schilling, die Leiterin Schlossmanagement bei der Stiftung „Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg“.

Zweifelsohne ist es mühsam

Darum gehören in der Kulturlandschaft rund um Schloss Sanssouci Filzlatschen immer seltener zur Grundausstattung. Gerade endete im Marmorsaal des Neuen Palais die „Pantoffel-Ära“. Mit Eröffnung des sanierten Saales entstanden gläserne Laufstege, über die Besucher gehen können. Dadurch sind zwar die einmalig schönen steinernen Einlegearbeiten auf den Böden weiter gut sichtbar – andererseits aber werden die Besucher so auch zu einem festen Parcours durch den Saal gezwungen.

Zweifelsohne ist es mühsam, sich auf den Pantoffeln halb rutschend, halb schlurfend fortzubewegen, doch wird dieser Nachteil dadurch ausgeglichen, dass man die Räume individuell durchstreifen darf, faszinierende Details der Dekoration aus der Nähe betrachten kann und auch mal in Winkel und Ecken spähen. Das geht im Marmorsaal nun nicht mehr. Und auch im Schloss Sanssouci darf man bereits seit einigen Jahren nicht mehr nach eigener Façon selig werden, wenn es um die Begehung der Prunksäle und Schlafkammern in der Sommerresidenz des Alte Fritz geht.

Hier geben Teppich-Läufer den Parcours vor, rechts und links begrenzt von roten Kordeln. Weil aber im beliebtesten aller Preußenschlösser ständig Touristen nachdrängen, ist damit auch die Verweildauer streng limitiert, da der Besucher gegen den stetigen Menschenstrom keine Chance hat, mal für einen Moment in die Betrachtung der architektonischen Schönheit zu versinken.

Holzböden brauchen diesen Schutz

Dafür muss man schon auf die weniger nachgefragten Orte ausweichen wie die Neuen Kammern, das Schloss Charlottenhof oder das Orangerieschloss, wo noch etwa 1000 Pantoffel-Paare auf historisch interessierte Müßiggänger warten. Auch in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar gilt die Ansage: nur mit Latschen.

„Nach der Sanierung wegen des Brandes 2004 haben wir das entschieden“, sagt ein Sprecher der Klassik Stiftung Weimar. Zudem dürfen nur noch 290 Besuchern pro Tag hinein, um die wertvollen Bücher, Gemälde und Skulpturen im einmaligen Rokokosaal zu schützen. Ebenfalls auf grauen Sohlen muss das Thüringer Residenzschloss Heidecksburg erkundet werden. „Besser können unsere originalen Fußböden von 1740 gar nicht gepflegt werden“, sagt Jeanette Lauterbach, wissenschaftliche Mitarbeiterin. Auf Tradition setzt auch Schloss Benrath (Nordrhein-Westfalen).

„Die Holzböden brauchen diesen Schutz“, sagt eine Sprecherin. Teppiche würden den ästhetischen Eindruck verfälschen. In Bayern herrscht in den 45 Schlössern, Burgen und Residenzen der Schlösserverwaltung dagegen nur noch beim Spindler- Kabinett in „Schloss Fantasie“ bei Bayreuth Pantoffel-Pflicht. „Oftmals schädigen sie mehr als dass sie sie schützen“, sagt Sprecherin Ines Holzmüller.

Latschen halten 10 - 20 Jahre

Was passiert eigentlich mit den riesigen Filzpantoffeln nach Gebrauch? Regelmäßig werden sie per Hand gesaugt oder ausgeklopft. Im Potsdamer Schloss Sanssouci steht in einer versteckten Ecke eine „Ausklopf-Maschine“ – die allerdings seit Jahren nicht mehr funktioniert. In der Metalltrommel wurden schmutzige Schuhe herumgewirbelt. „Der Mitarbeiter stand in einer dunklen Staubwolke“, weiß die Brandenburger Schlossmanagerin Schilling aus Berichten.

Bei Trauungen in der Blauen Galerie in den Neuen Kammern erspart Schilling weiblichen Gästen die riesigen Latschen. In einem kleinen Seidenbeutel erhalten sie High-Heels-Schutz. Die Plastikteile können über die Absätze gezogen werden. „Festliche Robe und Pantoffeln gehen gar nicht“, meint sie.

In der Filzmanufaktur von Yves Hößelbarth im hessischen Dipperz ist die geringere Nachfrage von Museen zu spüren. „Vielleicht liegt es auch daran, dass die Latschen etwa 10 bis 20 Jahre halten“, meint er. Etwa 5000 Paar fertigt er pro Jahr in Handarbeit.

Seine grauen Schlosspantoffeln landen heute oft bei Privatleuten. Auch Schornsteinfeger haben die Latschen entdeckt. Yves Hößelbarth berichtet: „Sie ziehen sie über, damit sie keinen Schmutz in die Wohnung der Kunden bringen.“ mit dpa

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