Berlin : Üppige Küche aus dem badisch-elsässischen Grenzgebiet

Bernd Matthies

Regensburger Str.7, 10777 Berlin Schöneberg, nur Abendessen, montags geschlossen, Tel. 2136733. Keine KreditkartenBernd Matthies

Warum reisen wir immer so gern in die europäischen Weinanbaugebiete? Es mag das Klima sein, die freundlichen Menschen mit den roten Nasen oder einfach, dass die Fachwerkhäuser nirgendwo sonst so kuschelig in der Landschaft herumstehen. Am wahrscheinlichsten ist aber wohl, dass es am Gesamteindruck liegt, in dem die Gastronomie eine Hauptrolle spielt: Was die Köche zwischen den Weinbergen zubereiten, bleibt stilistisch auf dem Boden, schmeckt, passt zum Schoppen und ist bezahlbar. In weinferne Regionen wie unsere lässt sich das alles nur schwer übertragen, zumal sich heutzutage kein ambitionierter Großstadtkoch mehr damit zufrieden gibt, alte Rezepturen durchzupausen.

Das wäre wohl auch Christoph Fischer zu wenig. Aber der junge Küchenchef hat mit der Übernahme des "Bamberger Reiters" auch das Bistro um die Ecke geerbt, und das musste von seinem Image befreit werden, nur eine Art Überlauf oder Economy-Version des Restaurants zu sein. Das neue Konzept steckt im Namen: "A Cote" - damit ist das badisch-elsässische Grenzgebiet gemeint, dessen üppige Küche ebenso wie die regionalen Weine zu den beliebtesten in Europa zählen dürften. Wer Schäufele, Baeckeoffe und Hähnchen in Riesling nicht mag, muss schon ein Hardcore-Vegetarier sein.

Aus dem würfelförmigen, nie wirklich gemütlichen Bistro mit seiner Wohnzimmeratmosphäre ist nun keine badische Winzerstube geworden, denn es sieht eigentlich aus wie immer. Alles andere aber wirkt außerordentlich stimmig, vom Akzent der aufmerksamen Kellnerin über die preisgünstigen Weine bis zu den entstaubten Klassikern auf der Speisekarte. Wir wurden augenblicklich vom Gefühl lustbetonter Spachtelei gepackt, das in den metropolitanen Kunstküchen so oft gespannter Andacht weichen muss. Wir probierten Kaninchensülze mit erstklassigem Salat, zartes, aromatisch ganz genau abgestimmtes Räucherforellenmousse, Hähnchen in sahnig-leichter Rieslingsauce mit unübertrefflichen Gemüsenudeln und schließlich Blutwurstmaultaschen mit kross gerösteten Zwiebeln und wurden von Gang zu Gang zufriedener (Vorspeisen um 20, Hauptgerichte um 28 Mark). Zudem spielte auch der halbtrockene Riesling von der bislang unbesungenen Winzergenossenschaft Sonnhole in Britzingen seine Rolle mit Bravour, ohne es bei der Gage zu überziehen: Die Flasche kostet erdverbundene 36 Mark. Wer will, kann aber auch Höherrangiges von Heger oder Johner haben.

Schließlich schaffte es die Küche auch, bei den Desserts Tradition und Modernität zu verbinden. Kirschwassereisbömble und die herrlichen Apfelküchle - um ein Haar hätten sie uns beim Tellerablecken erwischt. Ein Gewinn also und ein Konzept, das mir stimmiger vorkommt als das vom nach wie vor edlen und teuren "Bamberger Reiter". Noch ein paar Nachrichten, die darauf hoffen lassen, dass es mit Berlin kulinarisch weiter bergauf geht: Tim Raue, der als erster Küchenchef in den "Kaiserstuben" Aufsehen erregt hat und dann im Ritz-Carlton fehl am Platze war, hat das Bistro "E.T.A.Hoffmann" in der Yorckstraße übernommen, öffnet Anfang Oktober und sprüht vor Ehrgeiz. "Arcus" heißt das Restaurant von Dominique Metzger, der als Maitre im "Grand Slam" in bester Erinnerung ist. Es steht gegenüber vom Adlon, eröffnet voraussichtlich Ende Oktober, und am Herd steht Wolfgang Müller, der es auf der Bühlerhöhe schon auf satte 18 Gault-Millau-Punkte gebracht hat. Das "Grand Slam" dagegen liegt weiterhin brach, denn Jürgen Fehrenbach versucht es mit einem großen Bistro in den S-Bahn-Bögen an der Luisenstraße.

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