Uferstreit : Zu nahe am Wasser gebaut

Es geht auch unaufgeregt: Der Uferstreit am Halensee wird vergleichsweise friedlich ausgetragen. Freitag entscheidet das Gericht.

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Der Anfang ist gemacht. Blick auf die Baustelle des Uferweges. Im See stehen schon die Pfosten für den Steg.
Der Anfang ist gemacht. Blick auf die Baustelle des Uferweges. Im See stehen schon die Pfosten für den Steg.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Am Halensee sind die Hecken und Autos in den Gärten ebenso beeindruckend wie die Villen selbst. Etwas Abwartendes liegt am Sonntagmittag über diesem großbürgerlichen Idyll. Das kann an der glatten Wasserfläche liegen, die unter der Schicht aus Biomasse etwas zähflüssig wirkt. Oder an den Badegästen, die als regloses Grillgut auf der FKK-Wiese verharren. Wanderer sind jedenfalls nicht in Sicht. Das kann an der Wärme liegen – oder eben daran, dass es entgegen der langjährigen Planung noch immer keinen Wanderweg gibt, sondern nur einen sogenannten Uferstreit: Wie berichtet, will das Verwaltungsgericht am kommenden Freitag über die Klage eines Anwohners gegen den Steg entscheiden, für den vor seinem Grundstück bereits im Jahr 2009 Pfähle in den See gerammt worden sind. Der halb fertige Weg zweigt gleich neben der FKK-Wiese ab und ist von einem Bauzaun versperrt. „Bauzeit 1. Dezember 2008 bis 3. Juli 2009“, steht auf dem Bauschild. Das wird nun nichts mehr.

Der Kläger steht in seinem Garten und wässert den Bambus. Horst S. ist keiner, der Wachschutz und Bagger auffahren ließe, wie es manche Anwohner des Griebnitzsees taten. Er will vor dem Gerichtstermin überhaupt keinen Wirbel um die Sache, aber erklärt auf Nachfrage seine Motivation: „Ich hätte kein Problem mit einem Wanderweg über mein Grundstück. Mich stören die Leute nicht, und in meinem Grundbuch steht eine Übertragungsvormerkung für den Uferstreifen ans Land.“ Im Gegensatz zu einem Weg über sein stark ansteigendes Grundstück würde ein Steg mit massiver Brüstung ihm den Seeblick ruinieren. „Ich will nur, dass das Bezirksamt sich an seinen Landschaftsplan hält, der immerhin mit umfassender Bürgerbeteiligung aufgestellt wurde“, sagt der Mann, der keineswegs wie ein Prozesshansel wirkt.

Das Bezirksamt dagegen hält das Wegerecht für nicht durchsetzbar, weil es aus den 1930er Jahren stamme. Es will den Steg, von dem bisher nur die Stahlstützen im Wasser stehen, als Teil eines Wanderweges vom Kurfürstendamm zum nahen Grunewald. Von einem Rundweg um den See ist schon längst nicht mehr die Rede. Schon ein paar Schritte hinter dem Grundstück des Klägers schwenkt der Weg ohnehin wieder landeinwärts und führt als Treppe das Steilufer hinauf. Nach kaum 300 Metern geht es also auf der Straße weiter. Würde das Bezirksamt hier versuchen, die Anlieger zu enteignen, wäre weiterer Ärger absehbar.

Damit ist der von fast durchweg alten Häusern umgebene Halensee zumindest im westlichen Stadtgebiet die Ausnahme: Seit Jahrzehnten bemüht sich der Berliner Senat, die Ufer der Öffentlichkeit zu sichern, sobald sich Besitzverhältnisse von Grundstücken ändern. Im Südosten wird diese Linie jetzt zwar ebenfalls verfolgt, aber bisher profitiert die Allgemeinheit davon kaum: Weder die Friedrichshagener Seite des Großen Müggelsees noch die Ufer der Dahme sind durchgängig begehbar. Nur entlang der Spree wachsen die Wegstücke allmählich zusammen.

Auf dem schon fertigen Stummel am Halensee spaziert Gerd Wirth entlang, 71 Jahre alt und Bewohner des nahen Seniorenheims. „Wir bekommen mit dem Weg hier wirklich was Wertvolles“, sagt er. „Schön, wenn die Stadt mal was macht.“ Genau genommen kommt das Geld von Bund und Land für eine vorgeschriebene Ausgleichsmaßnahme der Berliner Wasserbetriebe, die am See einen Bodenfilter gebaut haben. Aber Wirth versteht auch den Kläger: „Wenn ich da mit meiner Sippe auf der Wiese liegen würde und dann kommen dauernd Leute vorbei …“

Die meisten hier wissen gar nichts von dem Uferstreit. Eine Mutter, die gerade ihre zwei Söhnchen aus dem Fahrradanhänger auf die Wiese entlässt, fände einen Weg ohnehin besser als den Steg: „Der ist für kleine Kinder gefährlich. Und so eng, dass sich Fußgänger und Radler behindern.“ Aber vielleicht wird ja der Steg gar nicht weitergebaut – der Gerichtstermin am Freitag wird es zeigen. Stefan Jacobs

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