Berlin : Ugur Özbay (Geb. 1958)

„Sprich mit den Steinen, dann sprechen die Steine mit dir“

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Ugur Özbay (1958-2016) Foto:
Ugur Özbay (1958-2016)

Halt inne! Setz dich auf eine Bank! Und wenn du Glück hast, setzt sich ein Mensch dazu. Forrest Gump vielleicht. Oder Ur, wie ihn seine Freunde nennen, Ur mit schwer gerolltem R. Und vielleicht erzählt er dir eine Geschichte. Die kann traurig sein, zumindest fängt sie traurig an, obwohl sie in einer wunderbaren Stadt beginnt: Istanbul. Eine junge schöne Frau, Krankenschwester, wird von ihrem Liebhaber verlassen, einem Arzt, der ihr seine Ehe verschwiegen hat. Sie bekommt ein Kind und geht fort aus der Heimat, in der man mit den Fingern auf sie zeigt. Sie will sich in Deutschland ein neues Leben aufbauen, findet Arbeit als Schneiderin und holt ihren Sohn nach, da ist er gerade fünf Jahre alt, Ugur, der Glücksbringer. „Du musst Deutscher werden! Du sollst erfolgreich sein, Arzt werden.“ Die Hoffnungen der Mutter sind groß.

Ugur macht eine Feintäschnerausbildung und will doch mehr. Er zieht mit seiner ersten Liebe nach Lübeck, findet in der Kunst seine eigene Sprache, aber einen Studienplatz an der Hochschule für Künste bekommt er nicht. Ein Steinbildhauer nimmt sich seiner an, und Ugur entdeckt für sich ein Material mit so hoher Widerstandskraft und Härte, dass es einer besonderen Feinfühligkeit bedarf: Granit.

„Sprich mit den Steinen, dann sprechen die Steine mit dir.“ Ugur kommt leicht ins Gespräch, auch mit Sibylle. Auf einem Stadtspaziergang lernen sie sich kennen. Er sieht sie, und sie sieht ihn, und ihr Gespräch endet erst mit seinem Tod. Sie sprechen über Medizin, denn Sibylle will Ärztin werden, über Bildhauerei, über Fremd- und Anderssein, über Kinder, und über die Zukunft, die sie sich nach wenigen Stunden nur noch gemeinsam vorstellen können. Die erste Nacht, die haben sie getrennt verbracht, aber den Rest des Lebens bleiben sie zusammen. Und immer wieder unternehmen sie Stadtspaziergänge, in der ganzen Welt, am liebsten durch Tempelanlangen, deren Steinbauten Ugur fachmännisch erkundet. In der Stadt der sprechenden Steine, in Rom, heiraten sie, auf dem Kapitolsplatz. Als dann Sarah-Maria Melike geboren wird, hält Ugur Wort, und kümmert sich um sie. Sibylles Karriere ist ihm wichtig. Anna-Sophia Aylin wird geboren. Auch sie bekommt einen Namen, der anklingen lässt, was den Eltern besonders am Herzen liegt: die Versöhnung der Religionen und Kulturen.

Ugur findet ein Atelier in Tiergarten, und er kämpft für seine Vision, das Quartier rund um die Potsdamer Straße wieder für alle zu beleben. Seine Mediterranen Sommernächte bringen den Kiez zum Tanzen. Er lädt alle ein und viele kommen. Ugur möchte die Menschen miteinander ins Gespräch bringen. Lernt euch kennen! Setzt euch zusammen! Redet! Am besten auf einer Bank! Aus der Künstleridee wurde eine Bürgerinitiative: Boulevard der Bänke. Fünf Steinbänke stellt er in den folgenden Jahren auf: die Heilbank vor der Elisabeth-Klinik, die Kleiderbank vor Woolworth, die Gerichtsbank vorm Arbeitsgericht, die Bücherbank vorm Lernhaus Pohlstraße und die Gripsbank vor der Allegro-Grundschule. Die Anwohner sollen ihre Gestaltungsideen mit einbringen. Sein Enthusiasmus begeistert, aber sein Wille zum Miteinander schafft ihm auch Gegner. Das Atelier wird ihm genommen. Seine Gesundheit leidet. Im Oktober 2016 reisen Ugur und Sibylle ein letztes Mal nach Rom. Und im gleichen Jahr kehrt er noch einmal nach Istanbul zurück. Die ältere Tochter, die dort ein Jahr lang lebte, hat ihm die Heimat wieder nahegebracht: Der Kreis hat sich geschlossen.

Ugur ist zu Hause gestorben. An einem Samstag hat er sich von seinen Töchtern verabschiedet. Aber ihnen wollte er nicht zumuten, die Letzten zu sein, die seine Hand hielten. Er wartete auf den Sonntag, auf Sibylle, die zu einer Tagung geladen war und gerade rechtzeitig zurückkam. Sie las ihm aus einem der Reisetagebücher vor, Mykene, das Löwentor, durch das sie gemeinsam gegangen waren, und er lächelte, froh über alles, was gewesen war. Denn das Schönste in der Liebe ist: sich gegenseitig zum Leuchten zu bringen.

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