Ulbricht und der Mauerbau : Ein Dementi, das zum Orakel wurde

Heute vor 50 Jahren beteuerte der DDR-Staatschef Walter Ulbricht: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten". Zwei Monate darauf war sie da.

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Vollendete Tatsachen. In den Tagen nach dem 13. August 1961 bewehren Ost-Berliner Arbeiter die Mauer mit Glassplittern, um die Flucht in den Westteil der Stadt zu erschweren.
Vollendete Tatsachen. In den Tagen nach dem 13. August 1961 bewehren Ost-Berliner Arbeiter die Mauer mit Glassplittern, um die...Foto: dapd/Kreusch

Walter Ulbricht ist der erste, der das Wort Mauer fallen lässt. „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, antwortet das DDR-Staatsoberhaupt am 15. Juni 1961 vor der internationalen Presse in Ost-Berlin auf eine Frage, die so gar nicht gestellt wurde. Keiner stolpert über das seltsame Dementi. Eine Mauer mitten durch Berlin? Unvorstellbar, absurd. Zwei Monate darauf ist sie da, genauso überraschend für die Welt, wie sie 28 Jahre später fällt.

Gewiss, im Frühsommer liegt erhöhte Spannung in der Luft, so massiv, wie Moskau zum Friedensvertrag mit beiden deutschen Staaten drängt samt Umwandlung West-Berlins in eine „entmilitarisierte Freie Stadt“ – unter Kontrolle der Zugangswege zu Lande, zu Wasser und in der Luft durch die DDR. Das machen die Westmächte und Bonn nicht mit, das wollen die Berliner nicht. Der sowjetische Regierungs- und Parteichef Nikita Chruschtschow weiß es spätestens seit seinem Treffen mit US-Präsident John F. Kennedy Anfang Juni in Wien. Er droht, mit der DDR allein Fakten zu schaffen.

Arbeitsteilig erläutern sie am 15. Juni 1961 ihre Pläne – Ulbricht fordernd vor der Presse in Ost-Berlin, Chruschtschow eher werbend in einer Rundfunkrede in Moskau. Fünf Seiten braucht das SED-Zentralorgan Neues Deutschland, um jedes Wort der beiden und jede Frage an Ulbricht zu dokumentieren.

Auf dem Weg zur Teilung. DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht bei der Pressekonferenz am 15. Juni 1961.
Auf dem Weg zur Teilung. DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht bei der Pressekonferenz am 15. Juni 1961.Foto: dpa/Bratke

Frage Annemarie Doherr, Frankfurter Rundschau: „Bedeutet die Bildung einer Freien Stadt Ihrer Meinung nach, dass die Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichtet wird? Und sind Sie entschlossen, dieser Tatsache mit allen Konsequenzen Rechnung zu tragen?“

Antwort Ulbricht: „Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Mir ist nicht bekannt, dass eine solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft voll eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

Sybillinisch fügt er hinzu: Mit der „Neutralisierung Westberlins“, das für ihn „zum Territorium der DDR“ gehört, stellten sich schon Grenzfragen, „aber es besteht ein Unterschied zwischen den Regelungen, die für die Staatsgrenze mit Westdeutschland gelten, und den Regelungen, die für Westberlin getroffen werden“.

Ulbricht behauptet, der Friedensvertrag wäre „der erste Schritt auf dem Weg zur deutschen Einheit“ und fordert die Bundesregierung zu Gesprächen mit der DDR über die Vorbereitung des Vertrages auf. Er beteuert, die Freiheit West-Berlins werde nicht angetastet: „Als Garant der Freien Stadt könnten symbolische Kontingente von Truppen der USA, der Sowjetunion, Großbritanniens und Frankreichs in Westberlin stationiert werden“. Die Beziehungen zwischen der DDR und der Freien Stadt seien vertraglich zu regeln. Natürlich müssten die „so- genannten Flüchtlingslager“ schließen, die westlichen „Spionagezentralen“ die neutrale Stadt verlassen.

Klar, dass der Westen nein sagt, dass sich die Westalliierten ihre Rechte nicht nehmen lassen. Die Gegenforderung: Freie Wahlen und Wiedervereinigung, vorher keine Aufhebung des Viermächte-Status, keine Friedensregelung. Die bedrängten „Insulaner“ halten es sowieso mit den westalliierten Schutzmächten und reagieren allergisch auf den verhassten „Spitzbart“ Ulbricht. Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt spricht ihnen aus der Seele: Was Moskau vorschlage, sei kein Friedensvertrag, sondern ein „Teilungsvertrag“, sei keine freie, sondern eine „vogelfreie Stadt“.

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