Berlin : Uli Ditzen (Geb. 1930)

Er sollte kein Schriftsteller werden wie sein Vater, kein wunderlicher Einzelgänger

Gregor Eisenhauer / Manfred Kuhnke

Er hatte unglaubliches Glück. Zwei Mal öffnete sich ihm das Tor zum Paradies der Kindheit. Bullerbü, Nimmerland, Robinsons Eiland, die Murkelei, alle Kindheitsparadiese gehen irgendwann verloren, oder bleiben gar nur Träume. Uli Ditzens Villa Kunterbunt kann hingegen jedermann besichtigen.

1933 war vielleicht das schönste Jahr im Leben seines Vaters Rudolf Ditzen, besser bekannt unter dem Namen Hans Fallada. Nach dem Erfolg seines Romans „Kleiner Mann – Was nun“ war der Schriftsteller mit Frau und Kind aus Berlin geflüchtet. Er kaufte für viel zu viel Geld, so schien es den Nachbarn, einen heruntergekommenen Bauernhof in Carwitz bei Feldberg, zwei Autostunden von Berlin entfernt, keine 300 Einwohner, ein Ort, der weit genug weg schien von allen hauptstädtischen Lastern, fast am Ende der Welt, am Anfang des Regenbogens.

Anfangs lag alles darnieder. „Am Ofen schmorte man, am Fenster erfror man. Wir hatten das Paradies der Ratten und Mäuse erworben, keine Diele war heil gewesen, kein Dach dicht. Auf dem Hof war ein Jauchenteich, und durch ebendiese Jauche marschierte man zu einem Herzhäuschen, um sich den Pöx zu erkälten …“ Das Vieh war störrisch, die Kuh gab keine Milch, selbst das Pferd tat nur, was es wollte, traben auch, zuweilen, aber selten vorwärts.

Fallada war keiner mit zwei linken Händen, er konnte packend schreiben, und er konnte zupacken, schließlich war er gelernter Landwirt und schon reichlich herumgekommen im Leben. Obstbäume wurden gepflanzt und der falsche Schierling auf den Wiesen ausgerottet, Spargelanlagen und Erdbeerkulturen angelegt, Wege verbessert, Zäune gesetzt. Ein Bienenhaus wurde eingerichtet, das viel mehr kostete, als der Honig in den ersten Jahren Ertrag brachte.

Carwitz: das war auch Anna Ditzen – oder Suse, wie sie Fallada in seinem Erinnerungsbuch nannte, die Frau an seiner Seite, die Seele des Hauses, Mummi, wie sie von den Kindern gerufen wurde. Dann war da noch Achim, der seinen Vater nur wenige Jahre erlebte, und Mücke, die viel zu früh starb. Ein Dutzend Kinder hatten sie sich gewünscht, Hans und Anna, aber drei waren auch schon eine Menge. „Schon als ich jung war, schienen mir Kinder der einzig wirklich erstrebenswerte Reichtum … Kinder, das ist man selbst, multipliziert mit einer unbekannten Größe, eine rätselhafte Spiegelung – die bleibt! Kinder sind Reichtum, weil man Kindern immer schenken kann, und der ist reich, der täglich schenken kann. Ich kann ihnen Feste schenken und Erkenntnisse, aber auch ein kleines Tier und die erste Primel im Frühjahr. Ich erzähle ihnen, ich schenke ihnen eine Kindheit, deren Glück man aus ihren Augen abliest …“

Die Wiese vor der Veranda zum See hin, über und über mit Gänseblümchen bestreut, mit Löwenzahn und Taubnesseln, Apfelbäume, Schattenmorellen, was ein Garten alles aufbieten kann an Wundern und Schätzen und seltsamen Bewohnern. Käfer und Mücken, die Bienen, willkommene Besucher, und natürlich unerlaubte Besucher, wie Fridolin, der freche Dachs, der zur Strafe prompt Held einer Geschichte wurde, auf dass die Nachbarn und die Nachwelt von seinem strafwürdigen Treiben erfuhren.

Fallada schrieb in der Nacht, am frühen Morgen, er rauchte und er schrieb in einem wahnsinnigen Tempo, als ob er ahnte, dass seine Jahre gezählt waren. Wenn er sich in die Stube zurückzog, dann mussten alle ruhig sein, die Kinder vor allem, sofern sie sich in der Nähe herumtrieben, selbst der Hund war angehalten, leiser zu bellen. Kaum hatte er sein Tagespensum erledigt, wurde der Dichter wieder Bauer, Bienenzüchter, Pilzsammler und Märchenerzähler. Fallada war in diesen Jahren ein „Traumvater“. Er sprach mit Uli über alles, auch über Politik, über die Nachrichten im Staatsrundfunk und im „Völkischen Beobachter“ und über die Meldungen des Feindsenders. Was für ein Vertrauen in seinen Sohn!

Sie fuhren mit dem Fahrrad über Land, mit dem Kahn zum Schwimmen, pflückten die reifen Himbeeren, scheuchten Wildenten, sammelten Pilze und ermahnten Brumbusch, den Hofhund, zum wachsamen Bellen. Die Spiele nahmen kein Ende und die Abenteuer. Sie fackelten zusammen die Heide ab und sahen zu, wie die schwarzen Flecken wieder grün wurden. Jedes Jahr rätselten sie, ob die Schwalben wieder im Stall nisten würden, und warum der Storch das so schön auf dem Scheunendach gepackte Wagenrad noch immer verschmähte. Nicht dass es an Gesellschaft gemangelt hätte!

Das „Hellapferd“, die „Erikuh“, und dann kam auch noch ein Ford V 8 dazu, „Glück aus Leder, Lack und Stahl“, den Fallada auf Rat seines Sohnes gekauft hatte, denn der kannte sich mit Autos aus, der Vater ganz und gar nicht, der hatte nicht mal einen Führerschein. Das Fahren überließ er Anna und Onkel Hubert, der war Knecht, Bienenfachmann, Gärtner, Chauffeur und bester Freund der Kinder. Leider starb er früh im Krieg.

Alles war genauso, wie es im Buche „Heute bei uns zu Haus“ steht, vielleicht aber auch ein bisschen anders. Fallada hat das geschrieben, was er erlebte, und zuweilen auch das erlebt, was er schreiben wollte. Aber davon bekam Uli nicht so viel mit damals, von den Dämonen des Vaters, die das Idyll schließlich zerstörten.

Fallada war ein genauer Beobachter seiner Kinder. Und er war etwas in Sorge, dass sein Erstgeborener ihm zu ähnlich werden würde.

„Der Junge, der seinen Vater bat, noch mal ins Wasser zu fallen, weil er es nicht genau gesehen hatte, und der Junge, der mit einem vagen Lächeln den Spielen seiner Freunde zusah …“ Er sollte kein Schriftsteller wie sein Vater werden, kein wunderlicher Einzelgänger. Die Gefahr schien auch gar nicht zu drohen. Ulis Berufswunsch damals: Lastwagenchauffeur, „nie, nie was anderes!“

Das war aber wiederum nicht nach dem Geschmack des Vaters, also schickte er ihn weg, erst nach Berlin, dann auf ein Internat in Templin. Zu seinem Besten, wie es hieß, vielleicht war es auch so, aber der Fortgang aus Carwitz war für Uli die Vertreibung aus dem Paradies: „Er war überzeugt, wir waren seine Feinde, wir wollten ihn loswerden“, so schrieb der Vater.

Über seine Gefühle schwieg der Sohn sich aus, auch in der Schule. „Ist verspielt, träumt zu viel, beteiligt sich nicht“, heißt es im Zeugnis. Aber zum Glück war Carwitz nur zwei Fahrradstunden entfernt, und die Wiedersehensfreude ließ Fallada ruhiger über die Zukunft seines Sohnes denken.

„Wer andere so lieben kann, im egoistischen dreizehnten Jahr, der ist zum Einzelgänger verdorben, auf Lebenszeit! Der wird immer lieben wollen.“

„Warum ist heute bei uns zu Haus morgen nicht mehr unser Zuhause?“ Fallada selbst hat es verbockt. Er verliebte sich in eine jüngere Frau, und er ließ die Dämonen wieder Gewalt über sich gewinnen, den Alkohol, das Morphium. Elf glückliche Jahre waren vergangen, dann kam 1944 die Scheidung.

„Meine Gedanken werden oft bei Euch in Carwitz sein, und wenn Du oder jemand anders meine Hilfe, meine tiefe Liebe dort braucht, sage es mir: Ich bin immer für Euch da. Es wird noch manches Jahr ins Land gehen, bis Du den Schritt, den Dein Vater heute getan hat, wirklich verstehen kannst. Ich bitte Dich sehr, mein Uli, Dich bis dahin jeden Urteils zu enthalten.“

Uli Ditzen folgte dem Vater nach Berlin, aber er konnte ihm nicht helfen. „Ich verstand nicht, warum das sein musste“, schrieb der Sohn im Vorwort zum Briefwechsel mit dem Vater. Er verstand nicht, warum der Vater sich aufgab.

„Die Hilflosigkeit des Süchtigen, der Stunde für Stunde auf die nächste Lieferung wartet, ist jämmerlich. Die Haltlosigkeit des Süchtigen, der den soeben angelieferten Schuss feiert, kaum minder. Von Familienleben, wie ich es gewöhnt war, konnte keine Rede sein. So kam mir die Achtung vor meinem Vater abhanden.“

Fallada starb mit 53 Jahren. Der Sohn wurde schnell erwachsen, versuchte sich anfangs als Zeitungsreporter, wurde schließlich Jurist und ging nach Westdeutschland. Der Vater war für ihn fortan nur noch „dieser Mann“.

Anna Ditzen bewirtschaftete den Hof 20 Jahre allein, dann verkaufte sie ihn an den Ost-Berliner Kinderbuchverlag. Uli Ditzen sah das Elternhaus 1965 noch einmal, ein Abschied für immer, schien es damals. Die Mauer fiel, die Hans-Fallada- Gesellschaft gründete sich, die treuesten der treuen Leser richteten das Anwesen wieder so her, dass jeder, der heute nach Carwitz fährt, ahnen kann, wie glücklich die Tage damals waren. Uli Ditzen half mit, wo er konnte, und fand seine Kindheit wieder und seinen Vater. Gregor Eisenhauer / Manfred Kuhnke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben