Berlin : Uli Senft (Geb. 1940)

Es gibt ein Leben vor dem Tod, daran glaubte er ganz fest

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Das Kult-Möbel der Siebziger? Das Hochbett! Keine Altbauwohnung in Berlin ohne alternatives Schlafgestell, zumindest wenn es nach Uli gegangen wäre. Heute hätte man Angst, die Kinder fallen runter, der Apo-Opi schafft es nicht mehr hoch.

Damals war ein Hochbett die real existierende Utopie für Träumer wie Praktiker. Drunter konnte man sitzen und palavern wie in einer Art antikapitalistischer Schutzhöhle, obendrauf konnte man liegen, träumen und Kapitän der MS Sorglos spielen. Und zur Not ließ sich das ganze Teil zerlegen und ein Floß für die Kuba-Reise draus basteln. Irgendwann kam das Hochbett leider aus der Mode, und mit ihm all die Träume. Das war schade für Uli, schließlich war er der versierteste Baumeister für Hochbetten in ganz Berlin, zumindest in ganz Friedenau. Aber schlechte Konjunkturnachrichten hatten ihn noch nie um den Schlaf gebracht. Mit seinem kleinen Einrichtungshaus ging er schon vor Jahrzehnten pleite, da fuhr er eben mehr Taxi und half auf dem Markt aus. Und irgendwas zu tischlern gab es immer. Seine Wohnung war seine Werkstatt, Esstisch neben der Werkbank, kleiner Ofen,

Uli war immer schon entschlossen, auf der Sonnenseite des Lebens zu spazieren, besser noch zu radeln. Viel Luxus brauchte er nicht. Ein Fahrrad, klar, gute Freunde, gutes Essen und Musik.

Wenn irgendwo eine Kapelle spielte, war er sofort am Tanzen. Dame ausgucken und ab die Post. Seine Lust am Walzen endete nie, allenfalls wurden die schwächelnden Partnerinnen gewechselt. Als Hochbettenbauer hatte man ja eine Menge Kontakte. Das Handfeste war sein Ding und das Kontaktemachen. Menschen jeder Couleur, jeder Figur, jeder Denkart sprach er an. Frauen bevorzugt. Er hörte gern zu. Sie fühlten sich wahrgenommen. Wenn er lachte, wackelte sein Bauch und die Wände gleich mit. Er war all seinen Frauen treu, was die Frauen zuweilen anders sahen, aber das war nur die verkehrte Perspektive.

Drei Kinder hatte er, Mädchen versteht sich, um die er sich fürsorglich gekümmert hat, seelisch wie leiblich. Er hat gern gekocht und gut gekocht. Fisch, und Hähnchen in jeder Variante, leichtes Sößchen dazu, ein paar Rosinen machen auch nicht dick. Wahlweise Pellkartoffeln und Quark. Das Gespür fürs Einfache und fürs Gute, das hatte er von seiner Mutter. Für sie hat er auch selbst den Sarg getischlert, der Sohn seiner Schwester lag Probe, damit auch alles passt. Lange nachdem sie tot war, hat er noch täglich von ihr gesprochen.

Seinen Vater hat er kaum gekannt, der war im Krieg gestorben. Von Stettin waren sie damals nach Berlin gekommen. Schon damals war er ein Träumer. Inseln mochte er. Korsika war ein Sehnsuchtsort und Samsoe, in Dänemark, wo er immer in einer Sägemühle unterkam. Mit dem alten Bauern hat er gern einen getrunken und dann im Feld seinen Rausch ausgeschlafen.

Er mochte Eigenbrötler, zuweilen war er selbst einer: „Ick hab’ ’ne große Sehnsucht.“ Wonach, darüber schwieg er sich aus. Als er krank wurde und ins Krankenhaus musste, da wollte er erst gar nicht Bescheid sagen.

Sieben Jahre überstand er die Leukämie ohne Transplantation, ein Rekord. Er kam ins Fernsehen, bekam eine Reise nach Mallorca geschenkt, trat in einer Carreras-Gala auf. Aber er wusste, die Verabredung mit dem Tod, die galt. Vegetieren war nicht. Rummaulen nicht sein Ding. Was ihm half: Er war gläubig. Es gibt ein Leben vor dem Tod, daran glaubte er ganz fest.

Die letzte Woche, das war eine Folge von grauen Tagen. Bei einer Freundin spielte ein Straßenmusiker vor der Tür. Sie drückte ihm Geld in die Hand und schickte ihn vor Ulis Fenster. Und Uli horchte auf. Vor der Tür, im Regen, machte einer Musik für ihn ganz allein. Wenn das mal kein Wunder war! Er ging raus mit einem Schirm. Soll ja keiner allein im Regen stehen. Gregor Eisenhauer

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