Berlin : Ulla Meinecke: Im Sturm der Unsäglichkeiten

Tanja Buntrock

Die Rockpoetin kommt im Taxi. Sie hat kein Auto, und bis vor kurzem besaß Ulla Meinecke nicht einmal einen Führerschein. Jahrelang störte sie sich nicht daran, im Dezember hat sie dann doch die Fahrprüfung im ersten Anlauf bestanden.

Trotzdem, sie geht immer noch lieber zu Fuß. "Das hilft, den Kopf richtig frei zu machen, wenn ich neue Texte schreiben will, aber blockiert bin im Kopf", sagt die 47-Jährige. Und neue Texte hat die Frau mit den warmen, braunen Augen eine Menge geschrieben. Viele davon werden zusammen mit ihren bekannten Songs in ihrem Programm "Kurz nach Acht", das sie ab Montag in den Wühlmäusen spielt, zu hören sein: Die Stimme - und dazu ein Klavier. Ein minimalistisches Konzept. Keine Rockband im Hintergrund, sondern nur der Pianist Reinmar Henschke. Angefangen hat sie damit 1996. "Songs und mehr", nannte sie das Programm. Damit tourte sie mehrere Jahre durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. 1999 nahm sie dazu das Live-Album "Kurz nach Acht" auf, dessen Titel sie nun ihrer neuen Tour gewidmet hat. Ist sie der Rockmusik überdrüssig geworden? "Ich wollte einfach mal etwas Neues probieren, mehr in Theatern auftreten und die Songs wieder auf ihren Ursprung zurückführen, denn die meisten Stücke sind Klavierkompositionen."

Ulla Meinecke ist sich mit dem neuen Programm selbst treu geblieben. Sie spielt "Songs" und keine Lieder, "weil in Songs ein Gleichgewicht von Text und Komposition herrscht". Dabei singt sie aus dem Leben. Von Sehnsüchten und Träumen, vom Verliebtsein und Verlassenwerden und immer wieder von der "Liebe auf den letzten Blick". Das fasziniere sie sehr: Eine Beziehung, die über Jahre gehalten hat, dann zu Ende geht, und wie dann plötzlich in einem der Partner ein Feuer lodere, "wie es dann auf einmal wieder knallt und zischt".

"Verliebt, verloren, verbrannt, gelacht, geweint und weggerannt. Und dann im Regen stehen, das Herz in der Hand. Nie wieder... bis zum nächsten Mal", singt sie in einem ihrer Klassiker. Aufgewachsen in einem hessischen Dorf, fängt sie als 12-Jährige an, eigene Stücke zu schreiben. Texte, in denen sie Gegenstände oder Dinge, die sie bewegt hatten, bis ins kleinste Detail beschreibt. Mit 17 landet sie in der Hausbesetzer-Szene in Frankfurt am Main, und entdeckt 1976 eine Anzeige in einer Pop-Postille, in der Bewerberinnen für eine Mädchenband gesucht werden. Sie schickt eine Kassette ein, drei Lieder von ihr in eigener Gitarren-Begleitung sind darauf. Etliche Monate später meldet sich ein gewisser Udo Lindenberg und holt sie nach Hamburg.. Um den mächtigen Hutschatten des Panikrockers loszuwerden, zieht sie 1979 nach Berlin, bringt drei weitere Alben mit mäßigem Erfolg heraus, bis ihr 1983 in Zusammenarbeit mit dem Komponisten und Keyboarder Edo Zanki und dem Produzenten Udo Arndt der Durchbruch gelingt. Während die Deutschen ihr schaumiges Bad in der Neuen Deutschen Welle nehmen, läutet Ulla Meinecke mit "Wenn schon nicht für immer, dann wenigstens für ewig" - ihrem fünften Album - auf leisen Sohlen "ein Comeback des geschmackvollen deutschen Liedguts ein", so schreiben die Kritiker damals. Zwei Jahre später erscheint ihr nächstes Werk "Vom Stolz italienischer Frauen".

Trotz ihrer Bekanntheit bleibt ihr die Glitzer-Welt der Popbranche fremd. Bodyguards habe sie früher so wenig gebraucht wie heute. "Das ist doch alles Quatsch. Wenn jemand es auf einen richtig abgesehen hat, dann bekommt der den so oder so", meint sie. Privates gibt sie nur sehr selten preis, sagt die Frau, von der man wissen darf, dass sie in Kreuzberg wohnt, "was geht die Leute mein Intimleben an?" Und im selben Moment mokiert sie sich über Sternchen, die ihr Innerstes nach außen kehren, über unsägliche Fernseh-Programme, bei dem sie jedesmal denkt, sie ist "in der psychiatrischen Abteilung im Krankenhaus" - vor allem bei "Big Brother". Was das soll, fragt sie, denn es sei ihr schon langweilig, "wenn ich aus ihrem Küchenfenster schaue und die immer gleichen, Nachbarn sehe".

Ulla Meinecke fängt an, sich in Fahrt zu reden: Über die geschäftstüchtige Verona Feldbusch, das Gerede um Boris und Babs und über die Bistros im Inter-Regio. Die Rocklady, die nur Schwarz auf der Bühne trägt, scheint brav zu werden. Doch als sie sich im Laufe des Gesprächs plötzlich an das Konzert von Bob Dylan in der Arena im letzten Jahr erinnert, das so gigantisch war "dass mir eine Tür im Inneren aufgegangen" ist, verwischt der brave Eindruck. Rock-Songs - nie wieder, bis zum nächsten Mal.

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