Berlin : Ulrich Lenk (Geb. 1966)

Was man eine Position nennt, eine Stellung im Leben. Als Schauspieler hat man die nie

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Was bin ich heute wieder anstrengend! Aufgefallen ist ihm das schon. Da war so eine Direktheit in ihm, ein unbedingtes Aussprechenmüssen, eine Kompromisslosigkeit, ein Sich-nichts-gefallen-Lassen. Und vor allem: Immer laut Bescheid geben, wenn etwas nicht stimmt, und zwar gleich. Er war ein Wahrheitssucher. Keine ganz ideale Grundausstattung für ein Kind der DDR, näherhin ein Dresdner Kind.

Vielleicht wollte er deshalb Schauspieler werden. Es war eine Möglichkeit, mit dem eigenen Temperament Freundschaft zu schließen. Sich auf der Bühne verdoppeln, und die Welt aus diesem Abstand heraus immer neu verstehen, zum Mitwisser des Menschen werden. Wer die Wahrheit auf einer Bühne sucht, ist kein Provokateur, sondern ein Künstler.

Künstler? Werde lieber Lehrer!, sagte die Mutter, denn sie war auch Lehrerin, Sonderschulpädagogin an einer Dresdner Sprachheilschule. Aber der pädagogische Blick auf das Leben blieb ihrem Sohn fremd. Dass Sprache heilen kann dagegen, überzeugte ihn. Der Vater hatte nicht viel zu sagen, die Zukunft des Sohnes betreffend, die Eltern trennten sich, da war er vier Jahre alt. Dieser frühe Riss im Dasein machte das Einzelkind Ulrich nicht sanfter.

Aber ein Hamlet-Typ war er nie. Dazu war er zu kompakt an Herz, Hirn und Statur. Kein Nervenbündel mit Praxisvorbehalt. Sein oder Nichtsein? Sein natürlich, und zwar die größtmögliche Portion. Das hieß zunächst: ein Platz auf der Schauspielschule. Aber die DDR-Schauspielschulen verlangten etwas, was man auf keiner Schule lernt: Lebenserfahrung. Ein handfester Beruf konnte nicht schaden. Ulrich Lenk beschloss, in methodischer Absicht Kellner zu werden: Meine Universitäten sind die Kneipen! Dass er spielend drei Teller auf einem Arm tragen konnte, war eine Qualifikation, die sich immer wieder bewähren sollte. Eine seiner letzten Rollen war der höchstbestechliche Zimmerkellner in Ray Cooneys Komödie „Außer Kontrolle“. In jedem dienstbaren Geist, zeigte Lenk, steckt ein geheimer Diktator.

Die Schauspielschule Rostock nahm ihn, doch vor der Zukunft, vor dem Leben lag ein bleischwerer Riegel: die Armee, die NVA. Er passte – wie so viele – da einfach nicht hin, schon gar nicht jetzt, in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre, als draußen Glasnost und Perestroika begannen. Strausberg also. Vielleicht rettete ihn, dass die Offiziersmesse einen Kellner brauchte. Er nahm keine Befehle, sondern Bestellungen entgegen, damit konnte er schon besser umgehen. Und sobald er Ausgang hatte, zog er im nahen Pfarrhaus seine Uniform aus und fuhr nach Berlin ins Theater. Was er hier sah, prägte alles Spätere: dieses hochartifizielle DDR-Theater, wo ein halbes Lächeln, die Länge eines Blicks an der richtigen Stelle schon ein Erdbeben auslösen konnte, eine säkulare Kommunion zwischen Bühne, Publikum und Weltweisheit. Sklavensprache? Ja, das auch, vor allem aber: Kunst. Kunst, die im Zweifel die Welt aus den Angeln heben konnte. Vor allem aber: Glück. Es war ein Rausch, ein eher kalter Rausch. Für Lenk trug er einen Namen: Heiner Müller.

1989, im Wendejahr begann er die Schauspielschule und alle Türen flogen auf. Kurz darauf fiel die Welt fast schwerer als zuvor in ihre Angeln zurück. Und eins stand fest: Das Theater würde diese Welttüren nicht wieder aufstoßen. Die Bühne war jetzt wieder, schon um ihres Überlebens willen, ein Ornament am Kleid der bürgerlichen Gesellschaft. Wenn Ulrich Lenk etwas verabscheute, dann war es das. Er hatte kein Talent, eine Verzierung zu sein, oder anders: Das hatte er schon. Er konnte die Kleinbürger des Lebens spielen wie kaum ein anderer, ob es der Sturm laufende Beamte Theobald Maske in Sternheims „Die Hose“ war oder eben der korrupte Kellner in „Außer Kontrolle“. Komödien bekamen durch ihn erst die nötige Tiefe, so auch der Opernsänger Tito Merelli in „Othello darf nicht platzen“.

Enrico Caruso definierte den idealen Sänger einmal so: „ein großer Brustkorb, ein großer Mund, 90 Prozent Gedächtnis, zehn Prozent Intelligenz, sehr viel schwere Arbeit und ein gewisses Etwas im Herzen.“ Die zehn Prozent Intelligenz hätte Lenk natürlich sofort gestrichen, und doch: Die Charakterisierung trifft auch ihn, denn sie trifft die Wucht seiner Präsenz. Auf der Bühne war er in Sicherheit. Solange er spielte, konnte ihm nichts passieren. Spielen heißt ohne Angst leben, hat Jürgen Holtz einmal gesagt, so hat auch er es erfahren. Im Augenblick des Auftritts war er der Mittelpunkt der Welt, egal ob er den Vater von Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf im Chemnitzer Sommertheater spielte oder den Philosophen Martin Heidegger oder Polonius im „Hamlet“. Aber der Alltag des Theaters?

Vom schwarzen Brett zu erfahren, für welche Rolle er besetzt ist, verletzte seinen Stolz. Er war Schauspieler, keine Marionette. Er besaß keinerlei Talent für dieses Rollenfach. Formbare Masse in den Händen eines Regisseurs zu sein, lehnte er ab.

Die Lösung lag auf der Hand: frei arbeiten. Selber entscheiden, was man spielt und was nicht. Er war Mitte dreißig, als er das feste Engagement am Theater Münster hinter sich ließ. Noch einmal neu anfangen! Zuerst 2001 bei den Burgfestspielen in Bad Vilbel als Kleinbürger Maske in Sternheims „Hose“. Da wusste er noch nicht, dass ihm das festeste Engagement seines Lebens unmittelbar bevorstand. Es begegnete ihm in Gestalt der Regieassistentin der „Dreigroschenoper“, das war die Parallelproduktion. Von Mai bis August dauerte das Theaterfestival, es war wie ein Aus-der-Zeit-Fallen, ein wenig wie Kinderferienlager für Erwachsene. Kathrin Brune studierte Theaterwissenschaften und Philosophie in Wien.

Als die Burgfestspiele vorbei waren, lud er sie ein nach Berlin, er wollte ihr seine Stadt zeigen. Berlin: Ausguck und Zuflucht des freien Schauspielers Ulrich Lenk. Seine Wohnung hier würde er nie aufgeben. Er hatte die Stadt erwählt. Sie war ihm gerade groß genug, aber als die Gefährtin dieses Sommers weg war, wurde selbst Berlin ihm zu eng.

Er fuhr nach Wien, unangekündigt. Ob sie Zeit hätte, mit ihm einen Kaffee zu trinken?

Und dann machten sie alles gemeinsam, 2009 spielte er unter ihrer Regie „Das Tagebuch eines Wahnsinnigen“ im Stadtbad Steglitz. Ein wenig seltsam war das schon. Regie kommt von regere, regere heißt herrschen. Als er sie kennenlernte, war sie die Anfängerin, er der erfahrene Schauspieler, und jetzt wollte dieses aus dem Ei geschlüpfte Küken ihm sagen, was er richtig machte und was falsch? Sie stritten, natürlich stritten sie. Und lernten dabei. Und waren nicht mehr dieselben nachher. Ich habe mit Uli erfahren, was es heißt, zu streiten, ohne den anderen vernichten zu wollen, sagt Kathrin Brune.

Als sie als Dramaturgin nach Zittau und später nach Chemnitz ging, ließ er sich sogar wieder auf ein festes Engagement ein. Andere in anderen Berufen haben in seinem Alter das, was man eine Position nennt, eine Stellung im Leben. Als Schauspieler hat man die nie. Als Schauspieler balanciert man immer wieder neu über dem Abgrund und kann sich an nichts festhalten als an sich selbst. Er fuhr nicht zu einem Klassentreffen nach Dresden, weil er denen nicht begegnen wollte, die, wenn sie von sich sprechen, so dumme Sätze sagen wie: „Ich habe es geschafft!“

Schauspieler sein ist Privileg und Fluch zugleich, so empfand er es noch immer. Wer ihn nicht kannte, konnte leicht glauben, hier ist jemand, der ganz in sich ruht. Er machte nie, was andere für nötig hielten: Viel Sport treiben, gesund leben, Körner fressen und nicht das, was schmeckt? Gesund leben kann ich immer noch, wenn ich krank bin, dachte Ulrich Lenk. Und wozu laufen, wenn ich auch Auto fahren kann? Die anderen werden ihre Selbstkasteiungen nötig haben, er hatte seine Genüsse nötig. Und die Bühne natürlich, der einzige Ort, an dem er sich ganz sicher fühlte. Endlich stand auch ein Heiner Müller im Plan, „Das Leben Gundlings“. Er hat ihn nicht mehr gespielt.

Kein Mensch entkommt dem großen Regisseur, der das Stück, das unser Leben ist, immer mit derselben miserablen Schlusspointe versieht. Aber so? Sie waren umgezogen, alle Kisten, alle Möbel standen in der neuen Wohnung. Sie tranken am Abend noch ein Geschafft-Bier mit Freunden, die geholfen hatten. Es war alles in Ordnung. Eine neue Wohnung, eine neue Spielzeit. Am nächsten Morgen wachte Ulrich Lenk nicht mehr auf.

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