Berlin : Ulrike Guckes (Geb. 1978)

Sie war doch gut genug in allem, was sie konnte

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IchredevielzuschnellundschaffeesnichteinmalLuftzuholenbeimSprechenwaswohlmanchmalrechtanstrengendfürmeineMitmenschen ist.“ So beschrieb sie sich in der Abiturzeitung selbst.

Vielleicht war sie eine, der es nicht als Selbstverständlichkeit erschien, dass ihr die Leute zuhörten. Da musste sie eben etwas schneller sprechen. Oder irgendetwas sagte ihr, dass sie nicht viel Zeit haben würde auf dieser Welt. Als gelte es, Zeit zu sparen, wurde sie auch von niemandem bei ihrem vollen Namen genannt. Für die Freunde war sie Uli, in der Familie Rike. Zur Beerdigung, zu der sie alle kamen, Freunde, Familie und Kollegen, als die Zeit unendlich schien, nannte man sie mit ihrem ganzen Namen, Ulrike.

Wenn sie das gesehen haben sollte, von irgendwo da oben, all die Leute, die zur Trauerfeier kamen, an die 200 waren es, wie sie die Blumen dann aufs Grab legten, so viele, dass sie einen leuchtenden, bunten Berg hinterließen, wenn sie das gesehen hat, dann wird es sie gefreut haben. Sie war eine von ihnen, eine, die dazugehört hatte.

Das war wichtig für Ulrike: dazugehören. Sie hatte nämlich früh erlebt, wie es sich anders anfühlt. Schon als Kind hatte sie schlimmes Rheuma, beim Sport konnte sie oft nicht mitmachen, häufig war sie krank. Als ihre Mutter mit ihr und ihrer Schwester im Oktober 1989 in den Westen ausreiste, gelangte sie in eine völlig neue, fremde Welt. Sie kam aufs Arndt-Gymnasium im feinen Dahlem, die meisten Mitschüler kamen aus den sogenannten besseren Verhältnissen. Die Verhältnisse, aus denen sie stammte, waren nicht schlecht, aber doch sehr anders. Das Geld war knapp, die Wohnung eng.

Ihr Berufswunsch, wie er in der Abi-Zeitung steht: „erfolgreiche Juristin, auf welchem Gebiet auch immer“. Erfolg hieß: Anerkennung, viel mehr als Geld. Für Jura sprachen ihr Sinn fürs Strukturierte, Wohlgeordnete und ihr Wunsch nach Ausgleich und Gerechtigkeit. Das mag abgedroschen klingen, aber es bedeutete: Sie war nicht geschaffen für den Alltag einer Rechtsanwältin, denn da zählen prozessuale Tricks und die Ausdeutung der Gesetze je nach Mandanteninteresse. Richterin wäre sie gern geworden, aber dafür genügte ihre Abschlussnote nicht. So promovierte sie erst mal über ein großes Thema: Entschädigungszahlungen für Opfer der NS- und der SED-Diktatur. Als Fachfrau wurde sie bei einem Bundestagsausschuss vorgeladen. Darauf war sie mindestens so stolz wie auf den Doktortitel. Sie wusste, dass sie ihn verdient hatte.

Die schnurgerade Laufbahn, bei den Juristen gibt es so was noch: Studium – Promotion – Festanstellung. Die zweite Stelle, auf die sie sich bewarb, bekam sie. Ulrike kam in die Geschäftsführung des Deutschen Anwaltvereins. Klug und strukturiert war sie, ehrgeizig und doch ausgleichend – eine Bessere für die Stelle der Fortbildungsverantwortlichen ließ sich kaum finden. Und sie fand auch: Diese Stelle war für sie gemacht.

Dass sie ursprünglich aus dem Osten kam, sagte sie niemandem. Sie war doch gut genug in allem, was sie konnte. Wozu sollte jemand wissen, dass sie mal bei den Pionieren war? Was spielte die Herkunft schon für eine Rolle? Sie wollte nicht als etwas anderes behandelt werden als alle anderen.

Auch nicht als Frau; sie war die einzige in der Hauptgeschäftsführung des Anwaltvereins. Und merkte, dass sie mit ihrer zurückhaltenden Art einfach anders war. Wenn sie etwas Schlaues sagte, wirkte das längst nicht so, wie wenn ein Mann dasselbe zehn Minuten nach ihr noch mal vorbrachte, nur etwas männlicher und forscher eben.

Die Arbeit war wichtig, aber die Arbeit war nicht alles. Sie heiratete und wurde schwanger, brachte mit 31 die Tochter Friederike zur Welt und kehrte mit 32 an den Arbeitsplatz zurück. Sie wollte beides, Familie und Karriere, so viel stand fest.

Sie war 33, als die Ärzte merkten, dass die Schmerzen, die sie schon lange hatte, nicht vom Rheuma kamen, sondern von einem Sarkom, einem bösartigen Tumor. Es folgten Operationen, Behandlungen, kurze Hoffnungen, tiefe Stürze und immer wieder die Frage nach der nächsten strapaziösen Therapie. Natürlich stimmte sie zu, jedes Mal. Jeder Tag mehr in ihrem Leben, mit ihren Menschen war es wert. Sie wusste, dass sie zu ihnen gehörte.

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