Berlin : Um die Welt – und nach Deutschland zurück

Fußball, Maibaumklettern, Samba und bunte Ureinwohner: Auf der ITB am Funkturm ist der Zusammenprall der Kulturen alltäglich

Bernd Matthies

Liegt es am Wetter über den Messehallen, dass die Fotos der blauen Lagunen und feinstsandigen Strände diesmal so besonders verlockend wirken? Die Deutschen, Reiseweltmeister aller Klassen schwelgen in Urlaubsträumen wie auf jeder ITB, aber diesmal nimmt Deutschland den Kampf um sie auf. Warum nicht mal zu Hause bleiben? Die meisten Bundesländer sind praktisch in Originalgröße unter dem Funkturm angetreten, und sie setzen ganz auf die Verführungskraft des Fußballs. 2006 ist überall, Bälle werden auf Torwände getreten, als gäbe es noch freie Plätze in der Nationalmannschaft, und die WM-Stadt Kaiserslautern hat sogar ein permanentes Turnier installiert: Zwei Mal vier Roboterhunde kämpfen verbissen um Tore, verkeilen sich im Eck und strampeln mit den Beinen – sie verhalten sich also wie einst die deutschen Kicker unter Rudi Völler. Ein paar Schritte weiter steht der Original-Mannschaftsbus. Man kann einsteigen und sich großartig fühlen: „Hier“, sagt ein Junge, „da sitzt der Ballack immer, habe ich im Fernsehen gesehen.“

Aber auch anderes einheimisches Brauchtum kommt nicht zu kurz. Bei den Bayern hat man das klassische Fensterln zum erotisch unbedenklicheren Maibaumklettern weiterentwickelt, die Region Coburg wirbt mit den althergebrachten Sambawochen, Brandenburg zeigt brasilianischen Showtanz, und Niedersachsen zeigt auf großen Fotos seine Nilpferde vor. In Sachsen-Anhalt singen sie zu dritt aus vollem Kostüm, und die Prospekte dazu verteilt ein junger Mann, der in einer Art Turm steckt und einen goldenen Pferdekopf vor sich her trägt. Auch das deutsche Dorf als solches hat sich verändert: „Discover the most fashionable factory outlet villages“, heißt es lockend. Mode und Schnäppchen, das zieht immer, und wer sich eine Weile ziellos treiben lässt zwischen all den Verlockungen, der fühlt sich alsbald wie auf der Grünen Woche, nur leider ohne Essen.

Aber was ist schon noch deutsch? Auf solchen Reisemessen wird alles eins, die Identitäten verschwimmen. Antalya, eigentlich grundtürkisch, wirbt mit einem nahezu echten Kreml und allerhand anderen Kulturgütern fremder Länder. Wer ein Bild sucht für die Melange der Kulturen, der findet es möglicherweise am Stand von Neuguinea, wo ein leicht bekleideter bärtiger Ureinwohner steht. Er blickt in einen Handspiegel und tupft sich mit einem Pinsel gelbe Punkte auf das rot angemalte Kinn, was enorm neuguinesisch aussieht. Erst der computerlesbare Ausstellerausweis an seinem Lendenschurz schlägt die Brücke in die Neuzeit. „Nach Neuguinea?“, sagt er in gepflegtem Englisch, „erst nach Frankfurt, und dann immer geradeaus.“

Die Aussteller ringen durchweg darum, die prinzipienbedingte Fadheit einer Reisemesse aufzulockern. Immer nur Bilder und Prospekte, das kann ja auch das Internet, und deshalb marschieren die seltsamsten Gestalten durch die Reihen, Stelzenläufer mit lebenden Marionetten, Wesen, die Kugeln mit grünen Blättern und Moos um den Kopf tragen. Beliebt sind auch Kuh-Kostüme, die für Natur und Friedfertigkeit am Urlaubsort stehen. Bei TUI sitzt ein Exemplar melancholisch glotzend auf dem Sofa, während der zu ihr gehörende Moderator einen Besucher nötigt, mit pantomimischen Mitteln die Insel Mallorca darzustellen.

Wer die Messe politisch werten möchte, findet allerhand Beispiele friedlicher Koexistenz beispielsweise dort, wo Israel Wand an Wand mit Palästina geradezu aufgekratzt optimistisch in die Nachkriegszeit startet. Libanon, Jordanien, alles kleine Paradiese für den deutschen Weltenbummler, der allerdings doch lieber in den gewaltigen Installationen der Emirate strandet. Suite im 93. Stock mit Wüstenblick, klimatisierten Kamelen und Shoppingmeilen bis zum Horizont – das ist eine Erfolgsmischung.

Hier, das wäre was Neues: Molwanien, das Ursprungsland des Keuchhustens. „Szlengro!“, grüßt man dort, was so viel wie „Willkommen“ heißt. Die Zeiten seien vorbei, lesen wir, da es nur ein paar schmierige, überteuerte Cafés im Zentrum der Hauptstadt Lutenblag gab – heute seien sie im ganzen Land verbreitet. Aber ach: Molwanien ist eine Fälschung, das Land gibt es gar nicht, schade. Vermutlich starten trotzdem bald die ersten Charterflieger dorthin.

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