Berlin : Um Logenplätze beneidet

Bei Kennedys Rede wurde es eng auf Gertrud Ihlenfeldts Balkon. Ein Besuch nach 40 Jahren

Christian van Lessen

Schon vierzehn Tage vorher hatten sich die Kollegen von der Gasag angemeldet. Sie wussten, dass Gertrud Ihlenfeldt etwas zu bieten hatte, um das sie die ganze Stadt beneidete: Einen Logenplatz, vierter Stock, Eckhaus Belziger Straße, mit Balkonblick auf den Rudolph-Wilde-Platz und das Rathaus Schöneberg. Mit bester Sicht auf den amerikanischen Präsidenten. Als es endlich soweit war, als John F. Kennedy, Willy Brandt und Konrad Adenauer auf den Balkon des Rathauses traten, standen zehn Männer und Frauen gegenüber auf dem Ihlenfeldt-Balkon, nur nicht die Frau, der er gehörte. „Ich habe mich vor lauter Angst, dass er nicht hält, nicht mehr raufgetraut und hinter dem Fenster gestanden“, erzählt Gertrud Ihlenfeldt, die sich partout nicht fotografieren lassen möchte. Auch auf allen anderen Balkonen des Hauses standen Menschentrauben. Auf dem Laubengang des Hauses gegenüber und auf den Dächern hatten sich schon seit Tagen die Fílm- und Fernsehteams eingerichtet.

Gertrud Ihlenfeldt war damals 50, gehörte zu den ersten Mietern des Hauses, das gerade mal sechs Jahre stand. Heute ist sie die letzte im Haus, die den denkwürdigen Besuch vor 40 Jahren vom Wohnzimmer aus direkt betrachten konnte. Und wenn heute auf dem Platz an John-F. Kennedy erinnert wird, ist sie wieder dabei, diesmal aber wirklich auf dem Balkon, allein. Die, die damals darauf standen, leben meist nicht mehr. Und wenn sie auf die Geschäfte hinunterblickt, wird sie gerührt daran erinnert, dass im Wandel der Zeiten, die neue Mieter, Geschäfte und Lokale ein- und ausziehen ließen, wenigstens das „Reisebüro Ehlert“ gegenüber geblieben ist. Sein Anblick ist ihr so gewohnt wie das regelmäßige Läuten der Freiheitsglocke um 12 Uhr. Bei Ehlert sitzen vier junge Frauen hinter ihren Bildschirmen. Fragen nach der Erinnerung vor 40 Jahren erübrigen sich. Die Frauen aber schauen interessiert auf Fotos vom Kennedy-Besuch: „So viel Leute auf dem Platz, das ist doch nicht möglich.“

Reisebüroleiter Jörg-Hinrich Schulte ist leider erst seit 32 Jahren bei Ehlert und der letzte Mitarbeiter, der den Kennedy-Besuch hier am Ort live miterlebt hat, ist seit Januar im Ruhestand. Im Hausflur des Hauses daneben versichert Wolfgang Patzwahl, er wohne mit am längsten hier, seit 1967. Er habe daher nicht den Kennedy erlebt, dafür aber später den Schah-Besuch, als gegen den Diktator demonstrierende Studenten verprügelt wurden. Wie Gertrud Ihlenfeldt kann sich Patzwahl an das Café Bestvater erinnern, die Kaffee-Carisch-Filiale, oder auch die Bank für Handel und Industrie, die später zur Dresdner Bank, jetzt zum Matratzenmarkt geworden ist. Das Lokal nebenan wurde zum „Kennedy-Grill“.

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