Berlin : Um zwölf gibt’s nur ein kurzes Küsschen

In der Küche, im Tipi-Zelt, im Tanzclub – diese bekannten Berliner sorgen das ganze Jahr für anderer Leute Vergnügen. So verbringen sie die Silvesternacht

Heidemarie Mazuhn,Nana Heymann

Mit Hummer mit Blumenkohl, Schnittlauchöl und pochiertem Wachtelei mit Saiblingskaviar will Tim Raue heute Abend neben anderen Köstlichkeiten seine Silvestergäste bewirten. Nicht bei sich daheim, sondern im Restaurant „44“ im Swissôtel, wo der michelinbesternte „Koch des Jahres 2006“ heute ein fünfgängiges Menü auf dem Küchenplan hat.

Zwischen all den Töpfen und Pfannen wird da der junge Starkoch bis Mitternacht nicht zur Besinnung kommen. Null Uhr hofft er, „mal zwei Schritte vor die Tür treten zu können, um ein paar Sekunden zu genießen und in Ruhe auf das neue Jahr anzustoßen“. Zeit für einen Kuss muss auch drin sein – damit muss Tim Raue nicht warten, bis er seine Küche wieder blank hat und nach 1 Uhr heimkommt. Seine Frau Marie-Anne leitet den Servicebereich im Swissôtel und arbeitet auch ins neue Jahr hinein. Das Ehepaar gehört damit zu jenen bekannten Berlinern, die das ganze Jahr über andere durch ihre Arbeit vergnügen und entspannen.

„Silvester ist etwas für Leute, die keine Premieren haben“, befindet Gayle Tufts, seit 1990 Berlins originellste Amerikanerin aus Massachuetts, über den heutigen Abend. Eine Premiere hat sie da zwar nicht, aber genauso fiebern und aufregen wird sie sich trotzdem bei ihrem Auftritt im Tipi. Mit „Soul Sensation“ gestaltet die Entertainerin dort die Silvestergala – und feiert danach gleich mit. Laut und fröhlich wird es sein. Privat würde Gayle Silvester anders gestalten – im Kreis von drei bis vier Freunden, die sie bekocht. Als besonderen Bonus bekommt sie dafür heute Nacht vor dem Tipi das Riesenfeuerwerk am Brandenburger Tor quasi auf dem Präsentierteller serviert – ohne die Million Menschen dazu.

Hans-Peter Wodarz feiert im „Belle et Fou“-Theater in der Spielbank am Potsdamer Platz in 2007 rein. Dies nicht privat, sondern beruflich – ist er doch von „Pomp, Duck and Circumstance“ auf das „Spiel mit der Lust“ umgestiegen. Etwa 30 Freunde und ehemalige „Enten“-Stammgäste aus München, Wiesbaden, Thüringen und Hamburg sind extra angereist, um mit und bei ihm sozusagen sinnlich Silvester zu feiern. Ein „kulinarisches Vorspiel“ gehört auch dazu – „aber irgendwann in der Nacht beiß ich in einen Berliner“, freut sich Wodarz witzelnd auf den süßen Pfannkuchengenuss.

Nicht alle Künstler, Unterhalter oder im Service Tätigen müssen solche Arbeit bis zur letzten Minute des Jahres machen – Hans-Georg Kehse will heute keine einzige Rakete in den Himmel schießen, die von ihm vorbereiteten Feuerwerke zünden heute andere. Der Pyrotechnikkünstler aus Französisch Buchholz setzte auch 2006 wieder „Treptow in Flammen“, zündete in der Schalke-Arena in Gelsenkirchen ein gigantisches Indoor-Feuerwerk und beendete das Gipfeltreffen der weltbesten Feuerwerker zur Pyronale mit einer Show am Berliner Himmel. In der alten Heimat bei Magdeburg will der Mann, der 1999 auf der Akropolis das Millenniumsfeuerwerk zündete, heute ruhig zugucken, „was die anderen machen“.

Auch Bernhard Paul wird heute Abend zur Silvestergala im Weihnachtscircus Roncalli nicht als Clown Zippo in der Manege im Tempodrom stehen und auch nicht anschließend wie im Vorjahr mit seinen Artisten feiern. Ganz in Familie will der umtriebige Roncalli-Chef diesmal mit seiner Frau Elaine und den Kindern Vivi, Adrian und Lilli das neue Jahr begrüßen. Wo genau, wusste der löwenmähnige Wiener Ende dieser Woche noch nicht – mit Bleiben in Köln, Wien und auf Mallorca haben die Pauls schließlich die Auwahl.

Santina Maria Schrader ist auch nicht mehr bei „Pomp, Duck and Circumstance“. Für heute Abend hat sich die Sängerin und Schauspielerin eine Flasche Champagner auf Eis gelegt – ihre beiden halbwüchsigen Töchter sind Silvester ausgeflogen. Bis sich die Mutter heute daheim in Pankow aber gemütlich in dicke Kissen kuscheln kann, um bei klassischer Musik nochmals das Jahr gedanklich Revue passieren zu lassen und sich auf ihr neues MDR-Programm 2007 zu freuen, wird es lange nach 23 Uhr werden. Vorher steht sie im Friedrichstadtpalast auf der Bühne – als Star der Revue „Glanzlichter“, die zum Jahreswechsel gleich zweimal in der Friedrichstraße funkelt.

Auch bei Peter Zocher wird es spät werden, bevor er in seinem Häuschen in Spandau ins neue Jahr 2007 feiern kann. „Ganz bestimmt ohne große Knallerei“, betont er. Denn Krach und Lärm hat der 67-Jährige schließlich das ganze Jahr um sich herum – als Schausteller, deren Berliner Verbandsvorsitzender er ist.

Zochers Silvestertag beginnt heute in der Gedächtniskirche. Dorthin hat der Berliner Schaustellerverband um 10 Uhr seine Besucher und Kollegen zu einem Danksagungsgottesdienst eingeladen. Danach hat dort noch der Weihnachtsmarkt bis um 22 Uhr geöffnet – auch die Imbissbuden von Peter Zocher. Was ihm und „acht bis zehn eingeladenen Leuten“ heute Abend daheim seine Frau vorsetzt, weiss er noch nicht, „vielleicht ja Kassler, einen Karpfen auf keinen Fall“.

Bei Tini Gräfin Rothkirch wird es opulenter zugehen – nicht daheim, sondern auf den Tellern im Speisesaal des Dorint Hotel am Gendarmenmarkt. Dass die 140 Betten der gepflegten Herberge inmitten des historischen Berlins zum Jahresende restlos ausgebucht sind, freut die Hotelchefin besonders. Der Besuch der großen Fête am Brandenburger Tor steht bei vielen ihrer Gäste auf dem Silvesterprogramm. Selbst will es die Gräfin heute aber ruhig und besinnlich angehen. Wahrscheinlich mit ein paar Freunden, aber ausufernd kann sie sowieso nicht feiern – am Neujahrsmorgen will sie schließlich frisch und ausgeruht am Gendarmenmarkt nach dem Rechten sehen, damit es dort niemandem an etwas fehlt. Für das neue Jahr wünscht sich die gräfliche Hoteldirektorin privat etwas mehr Zeit, um intensiver ihrem gesunden Hobby an frischer Luft frönen zu können. Im märkischen Golfclub Werder möchte sie endlich ihr Handicap verbessern.

Clubbetreiber Jesko Klatt feiert das ganze Jahr über. Für heute hat er sich deshalb eigentlich nur eines vorgenommen: die Sache in seinem Clubrestaurant Spindler & Klatt an der Köpenicker Straße in Kreuzberg entspannt anzugehen. „Wenn man unbedingt die Party des Jahres feiern will, dann kann man an seinen Erwartungen für den Abend leicht scheitern.“ Ab 19 Uhr lässt er seinen Gästen ein asiatisch inspiriertes Vier-Gänge-Menü servieren. Die akrobatischen Showeinlagen zwischendurch moderiert die Schauspielerin Annabel Mandeng. Zum Countdown können sich die Besucher auf die überdachte Winterterrasse stellen. Von dort aus hat man dann nicht nur den vom Feuerwerk erleuchteten Himmel im Blick, sondern auch die Spree. Dass Klatt am nächsten Abend wieder in dem Lager der ehemaligen Heeresbäckerei stehen muss, um den Betrieb weiter am Laufen zu halten, lässt er bei der Party mit Breakbeat-DJ ED 2000 ab Mitternacht außen vor: „Da wird ordentlich Gas gegeben.“

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