Berlin : Umberto Eco: Lockerer Bestseller

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Die drei Freundinnen der Literatur, Balkonloge, Mitte-links, sind mit der Zeit ein wenig genervt von Moderator Christoph Stölzl und seinen bildungsschweren, aufwändig verzierten Fragen nach den tieferen Quellen all dessen, was seit kurzem als "Baudolino" nachzulesen ist. "Verquast", wettert eine der Damen, doch ihr Held Umberto Eco wehrt sich tapfer auf der Bühne.

Stölzls gedankenschwerer Ursachenforschung begegnet er mit leichten Anekdoten aus dem Alltag eines italienischen Gelehrten. Eco, der Kosmopolit, Renaissancemensch, Universalmensch und Semiotiker - so lobpreist ihn Stölzl - , gibt sich bei der Lesung im ausverkauften Renaisance-Theater als bescheidener Erzähler. In Ecos Roman lockt Baudolino Kaiser Barbarossa ins Fantasie-Reich des Priesters Johannes fern im Osten. Baudolino erzählt seine Geschichte im Rückblick, denn Ecos Roman ist auch eine gelehrte Studie über den Entstehungsprozess von Geschichtsschreibung, deren Ereignisse und Protagonisten von wahren und vor allem unwahren Geschichten beeinflusst werden. Der Held Baudolino ist für Eco ein "Visionär", ein Mann, der Geschichte macht. Solche Visionäre gebe es im Guten wie im Bösen. Christoph Columbus oder Hitler seien mit diesem Begriff zu fassen. Und auch ein Terrorist wie Osama Bin Laden. Dieses Angebot, über den Roman hinweg einen Bogen zur jüngsten Historie zu schlagen, nimmt Stölzl nicht wahr. Er taucht wieder ins Mittelalter ab.

Baudolino hat die Gabe, sich in Sekunden auf das jeweilige Idiom seines Gesprächspartners einzustellen. Zwischen Stölzl und Eco kommuniziert es nicht so reibungslos. Ein Übersetzer muss vermitteln. Ecos spritzig-gestenreicher Körpereinsatz lässt sich leider nicht ins Deutsche übertragen.

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