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Umgang mit hilflosem Patienten : Bezirksamt erhebt schwere Vorwürfe gegen die Charité

Scharfe Kritik am mutmaßlichen Umgang der Charité mit einem desorientierten, obdachlosen Patienten hat das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg geübt. Die Rede ist davon, der Mann sei regelrecht "abgeladen" worden. Nun hat sich die Klinik zu den Vorwürfen geäußert.

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Schwere Vorwürfe gegen die Charité hat das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg erhoben.
Schwere Vorwürfe gegen die Charité hat das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg erhoben.Foto: dpa

Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hat schwere Vorwürfe gegen die Charité erhoben. Die Klinik habe einen obdachlosen, desorientiert wirkenden Patienten entgegen der üblichen Praxis per Krankentransport „im leichten, kurzärmeligen Krankenhauspyjama und mit Badelatschen bekleidet“ im Wartebereich der Sozialen Wohnhilfe, einer Abteilung des bezirklichen Sozialamtes, „abgeladen“. „Ich bin entsetzt, so etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagte Sozialstadtrat Knut Mildner-Spindler (Linke).
Die Charité sieht dagegen kein Versäumnis: Man habe sich zuvor „durch den Kontakt mit der Sozialen Wohnhilfe vergewissert, dass ab dort die Hilfskette greift“. Der Charité zufolge war der Mann vom 4. bis 17. Dezember stationär in Behandlung. Bereits am 6. Dezember habe der Sozialdienst der Charité die soziale Wohnhilfe des Bezirksamts kontaktiert und auf Unterbringungsbedarf hingewiesen. Laut Charité hat der Sozialdienst der Klinik den Vorstellungstermin mit dem Patienten am 17. Dezember mit der Sozialen Wohnhilfe zuvor vereinbart. Der Mann sei dann „ordnungsgemäß übergeben worden“. Der Entlassungsbrief sei an diesem Tag an den Sozialpsychiatrischen Dienst in Kreuzberg gefaxt worden, ein Termin für den 18. Dezember ausgemacht worden. Der Patient sei mit Fahrkarten, allen Dokumenten sowie mit Unterwäsche, Socken, Jogginghose, T-Shirt und Strickjacke versorgt worden. Er habe sich geweigert, die Kleidung anzuziehen, habe sie aber an sich genommen. Man wollte „einen warmen und sicheren Transport“ ermöglichen.

Stadtrat Mildner-Spindler sagt hingegen, der Bezirk habe der Charité Ende vergangener Woche mitgeteilt, dass noch kein Platz in einer Einrichtung für den Mann frei sei. „Doch ohne weitere Rücksprache hat die Klinik den Mann einfach vorbeigebracht, wohl wissend, dass wir ihn nicht unterbringen können.“ Von seinen Fachkollegen wisse er, dass der ältere Mann, wohl ein deutscher Staatsbürger, nach einer Alkoholvergiftung und Bewusstlosigkeit als Notfall im Charité-Zentrum für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie behandelt worden sei. Er habe sich gegen die Entlassung gewehrt – bis er im Rollstuhl und mit zwei Plastiktüten im Wartebereich des Bezirksamtes an der Kreuzberger Yorckstraße saß. Die Sozialarbeiter seinen überrascht gewesen, eine Ärztin des Bezirks habe den Mann dann in eine andere Klinik eingewiesen. „Einen Menschen eine Woche vor Weihnachten ohne weitere Rücksprache in dem hilflosen Zustand dem Bezirksamt einfach vor die Tür zu setzen, halte ich für völlig inakzeptabel“, kritisiert Mildner- Spindler. Charité bedeute doch Nächstenliebe und Barmherzigkeit. „Der Senat muss sich um die Charité kümmern“, so der Stadtrat. Die Klinik stand nach einem Keimbefall auf der Frühchenstation und Kommunikationspannen nach dem Missbrauchsverdacht gegen einen Pfleger zuletzt in der Kritik.
Die Berliner Kältehilfe berichtete dem Tagesspiegel von einem ähnlichen Fall an einer anderen Klinik: Ein wohnungsloser Lette sei bei Minusgraden „mit gebrochenem Bein und im defekten Rollstuhl rausgeworfen“ worden. Kranke ohne Versicherung werden auch von zehn ehrenamtlichen Fachärzten und Schwestern der „Malteser Migranten Medizin“ in Wilmersdorf behandelt. Sie arbeiten zurzeit neun statt sechs Stunden, weil bereits Anfang Oktober so viele Menschen vor allem aus Osteuropa versorgt wurden wie im ganzen Jahr 2011: mehr als 10 000. Laut Kältehilfeexpertin Lina Antje Gühne seien bei Bedürftigen und Flüchtlingen ohne Krankenversicherung zunehmend "alle Seiten überfordert". Es gebe eine Hilflosigkeit im Umgang mit den Menschen, "weil sich niemand zuständig fühlt".

In Berlin gibt es für Patienten die Möglichkeit, sich an die "Malteser Migranten Medizin (MMM)" zu wenden. Dort versorgen im Gesundheitszentrum an der Aachener Straße 12 in Wilmersdorf zehn ehrenamtliche Ärzte, Schwestern und Assistenten die Kranken, ohne dafür Geld zu bekommen und ohne dass ihre Patienten etwas dafür zahlen müssen. "Im gleichen Maße wie der Zustrom von Flüchtlingen aus Südosteuropa zunimmt, steigen auch die Behandlungszahlen bei uns", sagt Malteser-Pressesprecher Matthias Nowak.

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