Umgangsformen : Der Berliner - ein ganz feiner Charakter

Das amerikanische Magazin "Reader’s Digest" beweist, was wir lange geahnt haben: Wir sind nicht nur höflich, sondern auch redlich.

G,a Bartels

Die Tester des amerikanischen Magazins „Reader’s Digest“ meinen es gut mit Berlin: Im April kürten sie die immer wieder als rabaukig verschriene Hauptstadt in ihrer weltweiten Höflichkeitsstudie zu einer wahren Hochburg galanter Umgangsformen. Unter 35 Metropolen landete Berlin auf dem sensationellen vierten Platz. Bewertet wurden im Frühjahr Tugenden wie Türaufhalten und Achtgeben, wenn jemandem was herunterfällt.

Jetzt liegt die Sommerstudie des Magazins vor, das um die 100 Millionen Leser in der ganzen Welt hat. Und sie alle sollen erfahren: Berlin liegt beim Ehrlichkeitstest im oberen Mittelfeld. Auch diesmal gab es einen Feldversuch: In 32 Großstädten von Toronto bis Kuala Lumpur schwärmten Tester aus, die ihre Handys wie zufällig an Bushaltestellen, in Kneipen oder auf Parkbänken liegen ließen. 960 insgesamt. Und von den 30 in Berlin ausgestreuten Mobiltelefonen wurden doch tatsächlich 21 zurückgegeben. Das ist immerhin Platz 14 auf der Skala der ehrlichen Städte.

Michael Merkle von der Berliner Polizei wundert das nicht: „Berliner sind ehrlich“, behauptet der Mann, der dauernd mit Gesetzesverstößen zu tun hat, unverdrossen. Das findet auch eine langjährige Mitarbeiterin des BVG-Fundbüros in der Potsdamer Straße. „Wir sind immer wieder baff, wie viele ehrliche Finder Handys oder Börsen mit komplettem Inhalt abgeben“, sagt sie. Letztes Jahr waren es 4829 Geldbörsen und 1767 Handys. Verloren jeweils fifty-fifty in Bussen und Bahnen.

Das sei überhaupt ein beliebter Platz, um sein Handy loszuwerden, sagt Georg von Wagner von T-Mobile. „Da rutschen sie den Leuten im Sitzen aus der Tasche.“ Und wo gehen sonst noch viele Handys verloren? „Im Taxi und vor allem bei Freizeitbeschäftigungen, weil die Leute da nicht so aufmerksam sind.“ Ins BVG-Fundbüro kommen dieser Tage jede Menge Touristen, von denen eine große Zahl mit vermissten Gegenständen und besten Eindrücken von ehrlichen Berlinern wieder von dannen zieht.

Italiener freuten sich immer besonders, wenn sie unerhofft ihr verlorenes Telefon wiederbekämen, sagt die Mitarbeiterin. Die riefen dann regelmäßig laut aus: „Bei uns zu Hause gibt’s das nicht.“ Ob die Anzahl der im Fundbüro abgegebenen Dinge zunimmt? „Das nicht, aber die Fundsachen verändern sich: 1990 waren’s Regenschirme oder Taschen. Und jetzt sind es Handys und MP3-Player.“

Auffälliges Detail bei der Ehrlichkeitsstudie: Frauen gaben Mobiltelefone häufiger zurück als Männer. Und ein amerikanischer Psychologe analysierte messerscharf: „Die Menschen wollen einander vertrauen. Und sie wollen, dass man ihnen vertraut.“

Die ehrlichsten Städte der Welt sind übrigens Ljubljana und Toronto. Und den letzten Platz belegt – wie schon bei der Höflichkeitsstudie im April – Kuala Lumpur. Was auch immer die Tester von Reader’s Digest im Herbst aufs Korn nehmen: die höflichen und ehrlichen Berliner können sich beruhigt zurücklehnen. Für den Fall, dass dabei das Handy aus der Tasche rutscht, gilt: niemals den Pin-Code deaktivieren. Sicher ist sicher. Gunda Bartels

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