Berlin : Umleitung ins Leben

Sie kommen aus zerrütteten Familien und ihr Alltag dreht sich ums Stehlen, Rauben und Schlagen: jugendliche Intensivtäter. Ihre kriminellen Karrieren werden durch härtere Strafen nicht gestoppt – wohl aber durch Projekte, die sich um den Täter-Opfer-Ausgleich bemühen

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Es ist trotz der sommerlichen Hitze draußen so klamm in den Räumen, dass man die freundlich gereichte Fleecejacke dankbar annimmt. Auch die ungewöhnlich starke Septembersonne schafft es kaum bis in die Ladenwohnung in der Neuköllner Nogatstraße. Trotzdem ist die Nogat 7 ein Ort der Wärme für viele Kids zwischen 12 und 18, denen eine viel schlimmere und leider nicht nur saisonale Kälte die Seelen vereist hat. Die Nogat 7 ist die Einrichtung von Aktion 70 zur sozialpädagogischen Krisenintervention. Hier wird man, wenn man von zu Hause abgehauen ist, zu jeder Tages- und Nachtzeit aufgenommen und versorgt, hier kann man auch vorübergehend in eine der sechs Wohnungen im Querflügel ziehen. Hier duftet es um die Mittagszeit nach dem guten Essen, für das Koch Axel in der Küche steht. Hier gibt es für Kids, die partout den Fuß nicht in die Schule kriegen, ein „tagesstrukturierendes Angebot“, nämlich vier Stunden Unterricht. Hier sind ständig Sozialarbeiter und Erzieher greifbar, die sich dem Prinzip verpflichtet fühlen: „Wir machen mit viel Fantasie und Kreativität möglich, was irgendwie möglich zu machen ist für die Jugendlichen.“ So beschreibt es Connie Roters, die die Einrichtung seit sechs Jahren leitet. „Weil wir wollen, dass es ihnen gut geht.“ Aber genau das scheint immer schwieriger zu werden und erfordert immer mehr Kreativität. Denn das vom Regierenden Bürgermeister empfohlene „sparen, bis es quietscht“ erzeugt an solchen Stellen nicht nur noch grelleres Quietschen als andernorts, es motiviert auch manche Mitarbeiter in manchen Ämtern, hilfesuchende Kinder und Eltern wieder wegzuschicken. Und das wiederum verschärft den Druck der kalten Rationalität: Solche Einrichtungen müssen sich „rechnen“, und die freien Träger werden über eine Art Kopfpauschale pro „Klient“ finanziert. Als wäre der Job nicht schon zermürbend genug. „Früher hatten wir eine Mischung von fünfzig Prozent Mädchen und fünfzig Prozent Jungen, und wir hatten auch so fünfzig Prozent Jugendliche, mit denen man gut arbeiten konnte, die wirklich etwas wollten, aber in ihren Schwierigkeiten ertranken.“ Heute kommen Mädchen immer seltener, weil sie offenbar nicht auffällig genug sind für staatlich alimentierte Fürsorge. Mädchen wüten eher gegen sich selbst – ritzen sich, werden depressiv. Jungen gehen auf andere los, im öffentlichen Raum, trumpfen auch bei Ämtern eher auf. „Heute kommen zunehmend die sehr verhaltensauffälligen, auch psychisch kranken, die ,hoffnungslosen‘ Fälle.“ Zu denen auch engagierteste Mitarbeiter keinen Zugang mehr finden. Dass sie beschimpft und „behandelt werden, wie man sich privat niemals behandeln lassen würde, das sind wir ja gewohnt“, sagt Connie Roters halb resignierend, halb lachend. Aber inzwischen hält auch schon mal einer ein Küchenmesser in Richtung Betreuer und fliegen die Fäuste untereinander wegen der kleinsten Kleinigkeit.

Heute kommen die meisten auch nicht mehr, weil sie einfach Zoff zu Hause haben. Heute kommt mehr als die Hälfte aus Familien, in denen Gewalt herrscht oder Alkohol und Drogen oder totale Verwahrlosung, in denen es nichts zu essen gibt und Seife auch nicht. Das Fernsehzimmer im ersten Stock, das sie nachmittags ohne Betreuer, wenn’s irgend geht, nutzen dürfen, wirkt wie ein Spiegelbild ihrer kaputten Seelen: leer bis auf einen alten riesigen Fernseher und ein zerschlitztes Sofa, der Fußboden mit Brandlöchern übersät. Es wird immer wieder vom Zivi renoviert und möbliert und sieht kurz danach immer wieder so aus. Auch dagegen versucht die Nogat 7 anzuarbeiten, es ihnen „schön“ zu machen. „Aber sie können das gar nicht aushalten“, hat Connie Roters beobachtet. „Sie haben so oft von sich selbst nur das Bild: Ich bin scheiße, alle andern finden mich auch scheiße, wieso soll ich mich denn anstrengen?“

Heute ist auch über die Hälfte kriminell hochaktiv. Klauen, „Abziehen“, schwere Körperverletzung auch mit Waffen. Immer wieder. Geradewegs hinein in die kriminelle Karriere. Nach dem Motto: Wenn ich schon „scheiße“ bin, dann richtig. Für Kids, die so weit sind, ist die Aufnahme in die Intensivtäterkartei der Ritterschlag. Gegen so eine Dynamik hilft kein Schrei nach härteren Strafen oder Wegsperren. Man muss sehr viel früher anfangen. Vor dem geraden Weg in die Katastrophe schützt nur die Umleitung, und zwar – um im Bild zu bleiben – bevor der Karren tief im Dreck steckt. Diversion (englisch für Umleitung, der lateinische Ursprung bedeutet Ablenken, Wegführen) heißt das Verfahren, bei dem Polizisten, Staatsanwälte und Sozialarbeiter eine Task-Force bilden. Es führt Jugendliche und Heranwachsende, also 14- bis 21-Jährige, weg aus dem förmlichen Gerichtsverfahren, bei dem sie erst nach fünf bis sieben Straftaten die erste Sanktion zu spüren bekommen und oft erst nach anderthalb Jahren für etwas geradestehen sollen, das sie längst vergessen haben. „Sinn des Ganzen ist, dass wir zeitnah reagieren auf strafbares Verhalten“, sagt Oberstaatsanwalt Thomas Schilling. „Straftaten sind bei der Mehrzahl der Jugendlichen eine vorübergehende Erscheinung, die probieren es eben mal aus, und wir wollen frühzeitig Einhalt gebieten.“

Schilling ist seit zwölf Jahren Jugendstaatsanwalt und leitet die Abteilung 44 beim Landgericht Berlin. Im März 1999 haben die drei Senatsverwaltungen für Justiz, Inneres und Jugend gemeinsam eine Diversionsrichtlinie herausgegeben. Seit 2000 hat jede der sechs Berliner Polizeidirektionen einen Diversionsbeauftragten sowie ein direktes Gegenüber in der Jugendstaatsanwaltschaft, und in jeder Direktion sitzt ein Diversionsmittler der Stiftung SPI für die praktische Seite. Die geht so: Ein Jugendlicher wird beim Diebstahl erwischt, die Polizei ermittelt, prüft, ob er für Diversion infrage kommt, und bietet sie ihm an. „Es ist eine freiwillige Maßnahme“, erklärt Claudia Schmidt, „und der erste Schritt ist, er muss selbst beim Diversionsmittler anrufen und sagen: Ich habe was falsch gemacht, und ich stehe dafür gerade.“ Die Polizeikommissarin ist seit Mai 2005 in der Zentralen Präventionsstelle des LKA Sachbearbeiterin für Diversion und koordiniert auch die Fortbildung der Beamten in den Abschnitten. Denn auch da hat noch nicht jeder begriffen, dass Diversion gerade keine „Streicheleinheit“ für delinquente kleine Strolche ist, sondern „die einzige Chance, ihnen schnell eine Konsequenz aufzuzeigen und das Opfer mit zu berücksichtigen.“ Eine Vereinbarung wird geschlossen, und spätestens hier wissen auch die Eltern, worum es geht. Nur die wenigsten blockieren das Verfahren, weiß Claudia Schmidt. „Viele sind froh, wenn sich andere Stellen um die Jugendlichen kümmern.“

Kerstin Weber ist Diversionsmittlerin der Direktion 1 im Berliner Norden. „Ich kriege die Unterlagen von der Polizei und führe ein erstes Gespräch mit dem Jugendlichen.“ Innerhalb einer Woche nach der Tat. Sagen wir, er hat einen Autospiegel abgetreten. „Dann soll er mir genau erklären, was für Folgen das für wen gehabt hat – und zwar nicht nur: ,Der kostet 75 Euro‘, sondern was heißt das für den, der dann morgens sein Auto so findet, in die Werkstatt muss, zu spät zur Arbeit kommt, seinem Chef Bescheid sagen muss.“ Kurz, der Täter muss sich hineinversetzen in sein Opfer. Das tun die meisten zum allerersten Mal in ihrem Leben. „Und dann soll er mir erklären, wie er das alles mit seinen eigenen Mitteln wieder in Ordnung bringen kann.“

Er muss sich mit seinem Opfer an einen Tisch setzen, sich entschuldigen und Wiedergutmachung aushandeln. Das ist allein schon peinlich. Es tut richtig weh, wenn zum Beispiel der Mann mit dem Autospiegel genau wissen will, wieso er das gemacht hat und wieso an seinem Auto. Oder wenn die Verkäuferin der Nachttankstelle ihren Job verloren hat, weil sie traumatisiert ist, seit er mit einer Waffe vor ihr rumgefuchtelt und Wodka geklaut hat, und sie nicht mehr verdrängen kann, was er angerichtet hat. Diversionsgespräche sind oft eine tränenreiche Katharsis. Sie gehen auch den Diversionsmittlern an die Nieren. Und manchmal sind die Gespräche fast überwältigend. Zum Beispiel, wenn man sich plötzlich, wie Kerstin Weber, als Mediatorin zwischen zwei muslimischen Großfamilien wiederfindet und am Ende alle Frieden schließen, „inklusive Bruderkuss und Versöhnung“. Sechs Jahre macht sie das jetzt, und noch immer sagt sie: „Ich liebe diese Arbeit sehr. Wenn so ein Täter-Opfer-Ausgleich erfolgt ist, dann hat man auch ein bisschen befriedet, und das ist sehr zufriedenstellend.“ Abgeschlossen ist die Diversion erst, wenn der kleine Strolch auch den materiellen Schaden abgearbeitet hat und der Staatsanwalt, an den der Diversionsbericht geht, auch findet, dass er das Strafverfahren einstellen kann. Eine Garantie gibt es dafür nicht.

Diversion ist ein kleiner Paradigmenwechsel. So direkt mit der Polizei zusammenzuarbeiten, das empfanden manche Sozialarbeiter anfangs geradezu als Verrat. Und auch die Polizei traute nicht jedem Sozialarbeiter über den Weg. Nach über sechs Jahren Praxis hat sich das verloren. Wie übrigens in allen anderen Kooperationsprojekten, ob in Sachen Opferschutz, Quartiersmanagement oder häusliche Gewalt. Für Kerstin Weber „müssten viel mehr wiedergutmachungsorientierte Maßnahmen in unsere Gesetze implantiert werden.“ Vor allem im Jugendstrafrecht. Wie in Österreich, zum Beispiel, wo seit zwanzig Jahren jeder Jugendliche, der etwas ausgefressen hat, automatisch an ein ATA-Projekt überwiesen wird, zum „außergerichtlichen Tatausgleich“. Erst wenn er den verweigert, abbricht oder das Ganze erfolglos bleibt, gibt es ein Justizverfahren. In Deutschland ist das bisher nicht absehbar. Für die Stiftung SPI, den von der Jugendsenatsverwaltung finanzierten Träger der Diversion, sollten auch viel mehr kleine Strolche den kurzen Prozess der Umleitung bekommen als bisher. Stattdessen sind die sechs Stellen letztes Jahr auf fünf eingedampft worden, machen die hoch qualifizierten, speziell ausgebildeten Diversionsmittler Teilzeitarbeit, um trotzdem in jeder Direktion präsent zu sein.

Dabei weiß jeder aus eigener Erfahrung: Jugend ist der heikelste Lebensabschnitt. Grenzüberschreitung, Tabubruch, Hormonchaos, das Hin und Her zwischen „Mach kaputt, was dich kaputt macht“ und „Leck mich“, Ohnmachtsgefühl und „Ich bin der Größte“, das alles gehört zum Jugendalter und verschwindet meistens mit ihm auch wieder. Lügen, klauen, saufen, kiffen, rauchen, sich kloppen, rächen, hassen, Sex haben – wenn man noch dabei ist, sich selbst zu finden, ist das ein schwer entwirrbares Gemisch aus „noch nicht erlaubt“ und „generell verboten“. Es muss nicht in Kriminalität münden, nur – irgendjemand muss beim Entwirren helfen. Aber Menschen wie Connie Roters sehen immer öfter „Krisen-Hopper“, bei denen alles zu spät ist, weil niemand interveniert hat, „als sie noch Kinder waren, als es die ersten Auffälligkeiten gab, in der Kita, in der Schule.“ Kinder haben ein Recht auf Erziehung, aber immer öfter scheinen ausgerechnet Polizei und Justiz die Einzigen zu sein, die es ernst nehmen, den jungen Menschen beibringen, was Verantwortung und Mitgefühl ist. Auch eine Art von Diversion, böse gesprochen. „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu“, fällt Kerstin Weber ein, „wenn sich das spätestens den Jugendlichen erschließt – ich denke manchmal, da könnte man kilometerweise Gesetzbücher wegschmeißen.“

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