Berlin : Umnutzung einer Haftanstalt: Loft-Living im alten Rummelsburger Gefängnis

Beate K. Seiferth

Uli Hellweg ist zuversichtlich. Mit Prospekten ausgestattet, reist der Chef des Entwicklungsträgers Wasserstadt GmbH in dieser Woche zur Immobilienmesse MIPIM nach Cannes. An der französischen Riviera will er Investoren finden, die die "Riviera" Lichtenbergs entwickeln. Genauer gesagt, das Areal der einstigen Haftanstalt Rummelsburg am Rummelsburger See. Denn nachdem die Pläne, dort das Verwaltungs-, Sozial- und Arbeitsgericht unterzubringen, nun endgültig ad acta gelegt worden sind, soll das neun Hektar große Gelände jetzt anderweitig vermarktet werden.

"Lakeside Living" hat die Wasserstadt die zwei Projektideen getauft, die den seit über zehn Jahren ungenutzten Gebäuden wieder neues Leben einhauchen sollen. Nummer eins sieht vor, Firmenzentralen, Bildungsstätten und Startup-Betriebe in den sechs denkmalgeschützten Backsteingebäuden sowie zusätzlichen Neubauten anzusiedeln. Variante zwei ist eine Mischung aus Wohnen und Arbeiten. Dabei würden jedoch zwei der über 120 Jahre alten Gebäude abgerissen, die übrigen vier zu Loft-Häusern. "Im Souterrain könnten sich Praxen, Büros und Dienstleister ansiedeln, in den oberen Geschossen befinden sich die Wohnräume", sagt Hellweg. Neubauten im Stil der britischen Terraces mit Vor- sowie Dachgärten sollen Familien, Singles oder Wohngemeinschaften in die Häuser mit Seeblick locken.

Zwischen 3700 und 4000 Mark pro Quadratmeter müssen die künftigen Eigentümer für die Wohnungen kalkulieren. Und je nach Platzbedarf sieht der Entwurf 150 bis 320 Quadratmeter pro Wohnung vor. Geplant ist auch ein Zugang zum See. In dem ehemaligen Wachtturm könnte ein Café entstehen. Hellweg rechnet damit, dass bereits im kommenden Jahr mit den Bauarbeiten begonnen werden kann. Auf 170 Millionen Mark schätzt Hellweg die Kosten für die Realisierung, darunter 30 Millionen Mark, die dem Land Berlin durch den Grundstücksverkauf zugute kommen. Hellweg ist optimistisch, für eine der Varianten schnell einen oder mehrere Investoren zu finden. "Die Nachfrage nach Wohnungen sowie Gewerberäumen in Wassernähe ist vorhanden." Dies habe bereits die Bebauung des nördlichen Ufers der Rummelsburger Bucht sowie der Halbinsel Stralau gezeigt, wo jeweils neue Viertel entstanden.

Die Gegend um die Rummelsburger Bucht galt Ende des 19. Jahrhunderts einem zeitgenössischen Chronisten zufolge als Ort, an dem sich die "weniger gut situierten Leute niederlassen". Sie war hauptsächlich von Arbeitern geprägt. Zwischen 1877 und 1879 wurden an der heutigen Hauptstraße 8 Arbeitshäuser für rund 1000 Bettler, Landstreicher, Prostituierte, Trinker und Betrüger errichtet. Die architektonische Planung übernahm der damaligen Stadtbaurat und Architekt Herrmann Blankenstein. Während der Nazizeit wurden dort zudem Homosexuelle und "psychisch Abwegige" untergebracht. 1951 gingen die Häuser in die Verantwortung der Volkspolizei über und wurden zur Haftanstalt umfunktioniert. 300 Gefangene saßen dort zum Zeitpunkt der Schließung des Gefängnisses im Jahr 1990 hinter Gittern. Auch der entmachtete Staats- und Parteichef Erich Honecker verbrachte im Januar 1990 eine Nacht in Rummelsburg.

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1994 hatte der damalige Justizstaatssekretär Detlef Borrmann (SPD) die Idee, die landeseigene Immobilie als Gerichtsstandort zu entwickeln und so die knapp 15 Millionen Mark schwere Miete für das Verwaltungs- sowie Arbeitsgericht zu sparen. Anfang März diesen Jahres verabschiedete sich Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) von dem auch in Juristenkreisen umstrittenen Plan.

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