Berlin : Umsonst und drinnen

Das Pergamonmuseum verzichtete zur Tagesspiegelaktion auf den Eintritt – und hunderte Bedürftige kamen

Annette Kögel

Matthias, 18, bleibt auf der Stelle stehen – und reißt die Augen auf. „Boah, krass. Das sieht ja cool aus.“ Sein Premiere-Besuch am Pergamonaltar. Der junge Mann vom Berufsausbildungsbereich des Vereins für Jugendhilfe aus Adlershof gehörte zu den hunderten Berlinern, die am Montag während eines Aktionstages das Pergamonmuseum besuchten. Gratis, mit Einladung zu Kaffee und Brötchen plus Gastgeschenk. „Menschen helfen! Bücher lesen! Liebe Besucher, Sie können von dieser Palette gern einen Katalog kostenlos mitnehmen“, steht auf dem Zettel am Büchertisch in Foyer.

Es war eine liebevoll vorbereitete Sonderaktion, die die Staatlichen Museen zu Berlin „Menschen helfen!“ widmeten. „Wir wollten die Spendenaktion des Tagesspiegel auf unsere Weise unterstützen“, sagte Museen-Generaldirektor Peter-Klaus Schuster. Bedürftige waren geladen, auch Mitarbeiter sozialer Vereine und Ehrenamtliche. Kurz vor zehn standen die Ersten vor der Tür: teils mit nicht ganz so fein gebügelten Hemden, teils eigens aufgehübscht, damit man ihnen Armut oder soziale Probleme nicht ansieht.

„Die Menschen sollen spüren, dass Kunst auch für sie da ist“, hatte Schuster morgens gesagt. Eckhard Werner hat das deutlich gefühlt. 64 ist er, die vielen Jahre auf der Straße sieht man ihm nicht an. Seit zwei Wochen hat er eine eigene Wohnung, gekommen ist er mit Christine Fuhrmann von der Berliner Stadtmission. „Ich bin ein Vagabund“, sagt er, und sein Blick schweift über das Markttor von Milet. „Aber jetzt komme ich langsam zur Ruhe.“ Werner hält inne. „Hier und heute fange ich an, mich zu bilden“, sagt er. Das klingt fast pathetisch, und später, nach dem Gang durch Antikensammlung, Museum für Islamische Kunst und Vorderasiatisches Museum: „Ich brauche Tage, ja Wochen, um das zu verarbeiten.“

Ortrud Kubisch, Sprecherin der Stadtmission, einer der 42 Spendenempfänger der Tagesspiegel-Weihnachtshilfe, erkennt viele Schützlinge zwischen Moschee-Gebetsnische und Torlöwen nicht wieder. „Ein Phänomen. Viele können sonst nicht lange zuhören“, sagt sie und deutet auf die Gruppe, die Führer Holger Wienholz lauscht. 40 Mitarbeiter waren für die Sonderöffnung eingeteilt; zudem wegen der teils kranken oder behinderten Besucher Sanitäter anwesend. Pressesprecher Matthias Henkel fuhr eine Großkaffeemaschine per Fahrrad vom Hamburger Bahnhof auf die Museumsinsel. Wachschutz war da, der Shop offen, die Chefs der Abteilungen machten mit.

„Die Besucher sind heute bescheidener und besonders nett“, sagt eine Frau an der Garderobe. Rolli-Fahrerin Barbara Döring hatte über die Abendschau von der Aktion erfahren und ein Fernglas mitgebracht. Viele Hartz-IV-Empfänger waren da. Beate Hänska kam nach ihrer Auslieferungstour für die Berliner Tafel. „Ich finde das eine tolle Anerkennung für uns Ehrenamtliche.“ Timo Reinfrank, Geschäftsführer der Amadeu-Antonio-Stiftung für Opfer rechter Gewalt, freut sich nicht nur über die für 42 Projekte von Lesern gespendeten 200 000 Euro, sondern auch über „ein Stück Aufmerksamkeit für uns soziale Initiativen“. Für die Museen war es eine Generalprobe. „Zu Weihnachten wollen wir das wieder machen“, sagt Peter-Klaus Schuster.

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