Umstrittenes Sozialunternehmen : Der Treberhilfe laufen die Mitarbeiter davon

Die Treberhilfe bekommt offenbar Personalprobleme: Ganze Teams von Angestellten, die Wohnungslose oder Jugendliche betreuen, wollen zur Auffanggesellschaft „Neue Chance“ wechseln. Sozialsenatorin Bluhm plant ein Gütesiegel und eine Internetplattform für die Branche

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Foto: Mike Wolff
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Der Geschäftsführer der Auffangggesellschaft "Neue Chance", Rainer Krebs, spricht von 40 Bewerbungen aus Treberhilfe-Reihen. Das könnte nur der Anfang sein. Denn in einem offenen Brief haben 108 Treberhelfer vergangene Woche Geschäftsführung und Aufsichtsrat erneut ihr Misstrauen ausgesprochen. Und auch Sozialsenatorin Carola Bluhm (Linke) erklärte am Mittwoch, weder Kooperations- noch Veränderungswillen bei der Treberhilfe erkennen zu können.

Eher im Gegenteil. In Verwaltungskreisen heißt es jedenfalls, die Treberhilfe-Geschäftsführung verschleppe die „Tiefenprüfung“. Diese war infolge einer Anzeige wegen angeblicher Qualitätsmängel bei der Betreuung der Klienten eingeleitet worden. Der „Kommission 75“, einem zur Hälfte von der Liga der Wohlfahrtspflege und zur Hälfte vom Senat besetzten Gremium, wurden die angeforderten Unterlagen nicht fristgemäß vorgelegt.

Bei der Treberhilfe bestätigte man die Bitte um Fristverlängerung. Zum Aderlass bei den Mitarbeitern sagte Aufsichtsrat Frank Biskup, ihm seien keine Kündigungen bekannt, von einer Gruppe von acht Sozialarbeitern abgesehen. „Die Hysterie legt sich allmählich“, sagt Biskup, weil nicht mehr 168, sondern nur noch rund 108 Mitarbeiter offene Briefe unterzeichneten. Gerüchte über eine Rückkehr von Treberhilfe-Gründer Harald Ehlert in die Geschäftsführung der Brandenburger Tochtergesellschaft dementierte Biskup. Ein zweiter Geschäftsführer sei aber für die Stammgesellschaft bestellt worden: Volker Härtig, früherer Berliner Abgeordneter und Ex-Geschäftsführer des Entwicklungsträgers Bornstedter Feld GmbH in Potsdam.

Ins Rollen kam die Affäre um die gemeinnützige Treberhilfe, als der Dienstwagen ihres Gründers Harald Ehlert, ein Maserati, mit überhöhter Geschwindigkeit geblitzt worden war und das Unternehmen weder den Fahrer nennen noch ein Fahrtenbuch führen wollte. Als bekannt wurde, dass Ehlert sehr hohe Gehälter, eine günstige Mietwohnung in einer luxuriösen Treberhilfe-Villa und andere Vorzüge genoss, ergingen zwei Strafanzeigen wegen mutmaßlicher Untreue gegen ihn. Außerdem löste der Fall eine Debatte um die Entlohnung und Überprüfung von sozialen Trägern aus.

Einen „heilsamen Schock“ nannte Sozialsenatorin Carola Bluhm die Debatte, weil sie die Bereitschaft bei der Liga der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege erhöhe, die Transparenz in der Branche zu verbessern. Die mutmaßliche Selbstbedienung des Sozialunternehmers Ehlert wurde möglich, weil er als Gründer und Miteigentümer die Treberhilfe einerseits kontrollierte, das Unternehmen als Geschäftsführer aber zugleich steuerte.

Gegen solche Ämterhäufungen und Interessenverquickungen gab es bisher fast keine Handhabe. Und aktuell zeigt die Taktik der Treberhilfe bei der geforderten Offenlegung ihrer Unternehmensdaten gegenüber der „Kommission 75“, wie wenig die Verwaltung bei einem mutmaßlichen Missbrauch öffentlicher Gelder durchgreifen kann.

Bluhm strebt deshalb Reformen auf drei Ebenen an: Schon bei den anstehenden Verhandlungen mit rund 900 Trägern über deren Vergütungen und Zuwendungen sollen diese auf Transparenz eingeschworen werden. Dazu wird ein „Berliner Kodex“ eingeführt und ein Siegel vergeben an Gesellschaften, die detaillierte Angaben zu Einnahmen und Ausgaben, Bezahlung und Qualifizierung von Mitarbeitern, Bezügen von Geschäftsführern und Unternehmensstrukturen machen. Ende des Jahres werden die mit Siegel Ausgezeichneten auf einer neuen Internet-Plattform auf der Berlin.de-Website präsentiert. Diese soll jedem die Auswahl eines sozialen Trägers anhand von Qualitätskriterien ermöglichen.

Schließlich könnte am 9. Juli im Bundesrat ein Antrag der Sozialverwaltung erstmals diskutiert werden, der solchen sozialen Trägern höhere Vergütungen und Zuwendungen beschert, die ihre Mitarbeiter nach Tarif bezahlen und das auch offenlegen. Vorbild dafür sind Regelungen im Pflegebereich, die höchste Gerichte für zulässig erklärten. „Dann gäbe es keinen Anreiz mehr, Mitarbeiter unter Tarif zu bezahlen“, sagte Bluhm. Ein ähnlicher Vorstoß scheiterte allerdings schon einmal an der Bundesregierung.

Bisher seien Träger bevorzugt worden, die schlecht bezahlen und damit auch noch „Aufstocker produziert haben“: Das sind Menschen, die wegen ihrer geringen Einkünfte auf zusätzliches Geld des Staates angewiesen sind, das von den Job-Centern ausgezahlt wird. „Die betriebswirtschaftliche Bewegungsfähigkeit der Unternehmen aus der Sozialbranche soll aber nicht eingeschränkt werden“, sagte Bluhm. Allerdings müsse man sich auch der Tatsache stellen, dass die Bezahlung von Geschäftsführern im sozialen Bereich im vergangenen Jahrzehnt deutlich gestiegen sei, die Entlohnung der Mitarbeiter dagegen weiter gesunken sei.

So gesehen ist der Fall Ehlert dann auch kein Einzelfall mehr.

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