Umweltschützer : Autohasser machen Reifen platt

Klimaschutz radikal: Selbst ernannte Umweltschützer sollen innerhalb weniger Tage Autos angezündet oder Reifen deren zerstochen haben. Der für politische Taten zuständige Staatsschutz ermittelt. Bislang zählte die Polizei 53 derartige Taten.

Jörn Hasselmann

Berlin Erst wurden Autos angezündet, jetzt werden sie lahmgelegt. Vor etwa einer Woche hat eine unbekannte Gruppe begonnen, bei Geländewagen und Luxuslimousinen die Luft aus den Reifen zu lassen. „Alles hochmotorisierte Wagen“, hieß es bei der Polizei. Teilweise wurden die Ventile dabei zerstört. Neben allen Wagen wurden Flugblätter gefunden, in denen auf die Belastung des Klimas durch die Autonutzung hingewiesen wird. Sinngemäß heißt es darin weiter, dass man jetzt ja laufen müsse und so Zeit habe, über ein kleineres Auto nachzudenken.

Der für politische Taten zuständige Staatsschutz ermittelt. Bislang zählte die Polizei 53 derartige Taten, überwiegend in Zehlendorf und Grunewald. Begonnen hatte die Aktion in der Nacht vom 11. zum 12. Juli in Zehlendorf, vor allem an der Onkel-Tom-Straße und der Riemeisterstraße standen Autos morgens ohne Luft auf den Felgen. Danach waren die Täter im Wilmersdorfer Ortsteil Grunewald aktiv. In der Nacht zu gestern meldete ein Porschefahrer in der Wissmannstraße in Grunewald diesen Schaden. In keinem Fall wurden die Reifen zerstochen. Die Unbekannten drücken kleine Steinchen oder Stifte in die Ventile, damit die Luft langsam entweicht. Unklar ist, ob alle Betroffenen eine Anzeige erstattet haben. Möglicherweise hat es viel mehr Autobesitzer getroffen, die den Fall als Dummejungenstreich hingenommen haben. Juristisch ist das Luftablassen nicht eindeutig geregelt. Wenn es keinen Schaden an Reifen oder Ventil gibt, kann es als „grober Unfug“ gewertet werden, die Täter – wenn sie erwischt werden – gehen straffrei aus.

„Erfunden“ wurde diese Form des politischen Protests in Frankreich. 2005 hatte es in Paris und anderen Großstädten eine regelrechte Welle gegeben, Hauptziel der Autofeinde und Umweltfreunde waren Geländewagen und sogenannte „SUVs“, (Sport Utility Vehicle). „Vielleicht finden sich ja Nachahmer in anderen Städten“, heißt es auf einer Internetseite der Aktivisten. Diese nennen sich in Frankreich „les dégonfleurs“, übersetzt etwa „die Luftablasser“.

Die Aktivisten begründen ihre Aktionen damit, dass „die sinnlosen SUV-Autos im Schnitt 230 Gramm des Klimagiftes Kohlendioxid pro Kilometer verbrauchen“, wie es auf einer Internetseite heißt. Die Schweizer Grünen hatten im Mai ein Verbot derartiger „Ökomonster“ gefordert, die teilweise 20 Liter oder noch mehr Sprit auf 100 Kilometer verbrauchen. Dabei ist der Trend zu diesen Wagen ungebrochen. Nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamtes haben Geländewagen in der Zulassungsstatistik 2006 um 16,5 Prozent zugelegt. Im Juni dieses Jahres waren 7,6 Prozent aller Neuzulassungen Geländewagen.

ADAC-Sprecher Michael Pfalzgraf warnte davor, mit platten Reifen zur nächsten Tankstelle zu fahren. Wenn die Ventile unbeschädigt seien, könne man die Pneus mit einer Standpumpe selbst aufpumpen. Fahrzeuge der Straßenwacht haben einen Kompressor dabei.

Über die bisherigen Ermittlungsergebnisse schweigt der Staatsschutz. Keinen Zusammenhang soll es zu der Brandstiftungsserie geben. Wie berichtet, haben Linksextremisten in diesem Jahr bereits 85 Autos angezündet, überwiegend in Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg.

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