Umweltzentrum : Börek im Biogarten

Natur- und Umweltschutz als Integrationsmöglichkeit: In Kreuzberg eröffnete Deutschlands erstes Türkisch-Deutsches Umweltzentrum.

Ferda Ataman
Biogarten
Umtopfen. Turgut Altug (m.) und Mitstreiter im Biogarten. -Foto: privat

„Angelika fühlt sich nicht wohl“, stellt Turgut Altug traurig fest. Sie kippe immer wieder um. Der 43-Jährige bückt sich zum gleichnamigen mickrigen Kräutergewächs und lehnt es gegen einen kleinen Holzstängel in der Erde. „So ist’s besser.“ Rund 15 Kräutersprösslinge sollen hier wachsen, an kleinen Zetteln stehen ihre Namen und Wirkungen, wie etwa „Gerber: verdauungsfördernd, harntreibend“. Altug ist stolz auf das kleine Kräuterrondell im „Interkulturellen Biogarten“, der sich auf dem Kinderbauernhof im Görlitzer Park befindet. Ein Großteil des Ackers wurde in 14 kleine Parzellen geteilt, die von Familien verschiedener Herkunft bepflanzt werden. Jede kann auf ihrem Stück Erde anbauen, was sie will – „allerdings nur ökologisch, ohne Pestizide oder Ähnlichem“, sagt Altug. Einmal im Monat treffen sich die Eltern und Kinder mit ihren Gartenpartnern, um zu grillen oder picknicken, und unterhalten sich, so gut es ihre Sprachbarrieren zulassen.

„Natur- und Umweltschutz sind gute Integrationsmöglichkeiten“, sagt der promovierte Agrarwissenschaftler aus der Türkei. Man stelle sich vor: Frauen mit Kopftüchern aus Biobaumwolle, die gegen den Klimawandel demonstrieren. Imame, die in der Moschee fürs Energiesparen werben, oder türkische Hausmütter, die mit Jutesäcken im Ökoladen einkaufen. „Umweltschutz und gesunde Ernährung können nicht länger Luxusthemen für eine intellektuelle Bevölkerungsgruppe sein“, sagt Altug. Deshalb habe er schon vor ein paar Jahren bei deutschen Umweltverbänden angeklopft, um ihnen Projekte mit Migranten vorzuschlagen. „Die hatten aber überhaupt kein Interesse“, sagt er.

Inzwischen hat der Naturschützer einen Finanzier für seine Ideen gefunden: Mithilfe des Vereins „Türkisch Deutsches Zentrum“ konnte Altug das Türkisch-Deutsche Umweltzentrum Berlin einrichten. Am Donnerstag wurde es offiziell eröffnet. Auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) schaute in den Büros in der Skalitzer Straße vorbei. Er freue sich über „das wahrscheinlich europaweit erste Umweltzentrum, das von Migranten gegründet wurde“, sagte er, eine „ganz fantastische Einrichtung“ sei das. Die Angebote an Umweltbildung müssten für Kinder mit Migrationshintergrund ausgebaut werden, schließlich komme fast jeder vierte Jugendliche in Deutschland aus einer Einwandererfamilie, so der Minister.

Für Turgut Altug klingen die Worte wie Musik. Wenn man sogenannten bildungsfernen Familien Informationen zu Umweltschutz vermittle, würden sie durchaus Interesse zeigen. Der Interkulturelle Garten ist daher nur eins von vielen kleinen Projekten, die von den 12 Mitarbeitern im neuen Umweltzentrum eingeführt werden. Geplant seien Besuche an Kindergärten und Schulen mit vielen Migrantenkindern. „Doch dafür benötigen wir noch Fördermittel“, sagt Altug. Schon jetzt verteile sein Team Broschüren und baue Stände bei türkischen Veranstaltungen auf. Und sie geben die erste Umweltzeitschrift für Migranten heraus. Abgekürzt heißt sie „MUZ“, „das bedeutet auf Türkisch Banane“, sagt Altug, „ein unter Türken sehr beliebtes Obst“.

In der ersten, auf Recyclingpapier gedruckten Ausgabe stehen Anleitungen zum Mülltrennen, Rezepte für Dinkelquiche und Anbieter von günstigem Ökostrom. Wenn alles nach Altugs Plan läuft, dürften sich die Öko-Energieversorger bald über neue Kundschaft mit türkischen Namen freuen. Ferda Ataman

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