Berlin : UN-Simulation: Große Politik auf der kleinen Insel

Rainer W. During

Das vorbeituckernde Polizeiboot lässt die Szenerie noch realistischer erscheinen. Für drei Tage hat sich die Insel Scharfenberg im Tegeler See zu einem Zentrum der Weltpolitik gemausert. Jugendliche aus fünf europäischen Ländern simulieren auf der dortigen Schulfarm bis zum heutigen Sonnabend eine Vollversammlung der Vereinten Nationen. Bereits am Fähranleger weht die blau-weiße UN-Flagge. Statt Jeans und T-Shirt dominieren bei den Schülern dunkle Anzüge und bei den Schülerinnen Kostüme. Ein "Afrikaner" ist in Landestracht erschienen.

"Das Vetorecht muss weg", fordert jemand in einer heftigen Diskussion vor dem Tagungsgebäude. Am Eingang wacht ein "Security-Guard" über die Sicherheit der Delegierten. Drinnen wird indessen um Mehrheiten für die Resolutionen gerungen, gleichzeitig sorgen Pagen für den Austausch schriftlicher Nachrichten zwischen den Sitzungsräumen. 58 Länder sind auf Scharfenberg durch jeweils zwei Delegierte repräsentiert. Von Afghanistan bis zum südostafrikanischen Staat Zambia reicht die Liste. Zu behandelnde Themen sind die Verbesserung der Lebensbedingungen von Slumbewohnern, die Erweiterung des UN-Sicherheitsrates und die Frage, ob die Vereinten Nationen das Recht haben sollten, bei Menschenrechtsverletzungen in die inneren Angelegenheiten von Nationalstaaten einzugreifen.

Am ersten Tag treffen sich die 15 bis 20 Jahre alten Teilnehmer bei den so genannten Block-Meetings nach der Zugehörigkeit zu Vereinigungen wie den Blockfreien, der OSZE oder der Organisation für afrikanische Einheit. Hier wird in zum Teil hitzigen Diskussionen versucht, die oft differierenden, nationalen Meinungen in gemeinsame Resolutionen zu kleiden. Denn nur wenn mindestens 15 Länder unterschrieben haben, kommt das Thema an einem der nächsten beiden Tage auf die Tagesordnung der Vollversammlung. Die Lehrer tragen Schildchen mit der Aufschrift "Advisor" (Berater) und halten sich im Hintergrund.

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"Die Presse sorgt erst einmal für Schweigen", hat Susanna festgestellt. Sie gehört zum Team der Schülerzeitung, die eine Sonderausgabe zur Tagung produzieren. Betreten die Reporter mit dem "Press"-Ausweis und umgehängter Kamera einen Raum, verstummen manchmal die zuvor noch lebhaften Diskussionen. "Bei der Arabischen Liga wird zuviel Deutsch geredet", berichtet jemand. Konferenzsprache ist Englisch. "Die Straßenbeleuchtung in den Slums ist kein dringliches Problem", kritisiert die australische Vertreterin bei den Pazifikstaaten die Prioritätenliste Indonesiens.

Rund 60 Scharfenberg-Schüler ab der neunten Klasse sind am "Model United Nations" beteiligt, dazu kommen Jugendliche aus sieben anderen Berliner Oberschulen sowie Gymnasien in Bulgarien, Frankreich, Italien und Polen. Die ausländischen Gäste wohnen in einem freien Gebäude des zur Schulfarm gehörenden Internats.

Die Idee wurde geboren, nachdem sich Gruppen aus Scharfenberg wiederholt an gleichartigen Projekten im Ausland beteiligt hatten, berichtet Mit-Organisatorin Constanze Kromke. Die Schüler hatten mehrere Wochen Zeit, sich mit den Besonderheiten "ihres" Landes vertraut zu machen. Sie sollen mit dem Projekt angeregt werden, sich mit Politik zu beschäftigen und zugleich ihre Sprachkenntnisse verbessern.

Manche der Nachwuchsdelegierten nehmen die Dinge noch zu persönlich und zeigen nicht genug Diplomatie, lautet eine erste Erkenntnis des Initiators Tilo Wedemeyer. Bei der Organisation Amerikanischer Staaten hat man sich indessen schon auf das erste Papier geeinigt. Denn eines muss auf jeden Fall passieren, stellt einer der Delegierten fest: "We have to show the other countries something" (Wir müssen den anderen Ländern etwas vorzeigen).

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