Berlin : Unaufgeklärte Morde: "Den Tätern merkt man ihre Andersartigkeit nicht an"

Statistisch gesehen ist die Gefahr[dass ein Kind]

Niemand weiß, ob Jessica Kopsch ihren Mörder kannte oder ob sie auf ihrem Weg von einem Fremden angesprochen wurde, wie er das Kind überredete, ihm zu folgen. Katja Füchsel sprach mit Diplom-Psychologen Adolf Gallwitz über Kindermörder und ihre Opfer.

Statistisch gesehen ist die Gefahr, dass ein Kind Mordopfer eines fremden Täters wird, gering. Gibt es eine hohe Dunkelziffer?

In unserem Land ist die jährliche Zahl der Kindermorde nur scheinbar gering. Die Medien stürzen sich nur selektiv auf herausragende Fälle. Es ist kaum bekannt, dass wir eine zweistellige Zahl ungeklärter kindlicher Leichenfunde haben, und auch die über 900 so genannten langzeitvermissten Kinder sprechen für sich. In den wenigen Fällen, die bisher geklärt wurden, sei es durch das Geständnis eines Täters oder durch einen Leichenfund, wurden die vermissten Kinder fast immer Opfer von Tötungsdelikten.

Ist es nicht schwierig, eine Leiche unbemerkt verschwinden zu lassen?

Es gibt in Deutschland genug Gegenden, die in der Regel von keinem Menschen betreten werden. Die Chance, dass eine in einem weitläufigen Waldgebiet vergrabene Leiche entdeckt wird, ist gering. Wenn die Tiere und das Wetter ihr Übriges tun, findet man nach einigen Monaten nichts mehr. Würden Suchtrupps ganz Deutschland ablaufen, brächte man aber wahrscheinlich immer noch einiges zutage.

Gibt es so etwas wie den typischen Kindermörder?

Viele glauben, dass man den Tätern ihre Andersartigkeit leicht anmerkt oder sogar ansieht beispielsweise. Ein Vorurteil, dass fatale Folgen haben kann. Tatsächlich können Sexualstraftäter häufig gut und vertrauensvoll mit Kindern umgehen. Sehr oft schmeicheln sie sich mit kleinen Geschenken in das Vertrauen der Kinder ein. Früher waren es Süßigkeiten, heute Pokémon-Karten oder Computerspiele. Jedes Kind ist für bestimmte Dinge empfänglich, die ihm zu Hause verwehrt bleiben. Dass die Sexualstraftäter meist aus der Unterschicht kommen, zählt ebenfalls zu den weit verbreiteten Vorurteilen. Häufig arbeiten die Täter in Berufen, in denen sie von Kindern und Jugendlichen umgeben sind, also als Lehrer, Sporttrainer, Sozialarbeiter, Pfarrer...

Aber nicht jeder Sexualstraftäter tötet sein Opfer.

Im Grunde ist jeder so genannte Pädophile ein potenzieller Kindermörder, weil es ihm immer darum gehen wird, die Entdeckung seiner Straftaten zu verhindern. Nur selten planen die Täter von Anfang an auch die Tötung ihres Opfers ein.

Sind manche Kinder gefährdeter als andere?

Hübsche Kinder, die einem gleich ins Auge fallen, sind sicherlich einem höheren Risiko ausgesetzt. Besonders, wenn sie eine Bedürftigkeit nach Aufmerksamkeit und Zuwendung signalisieren. So etwas spüren die Täter. Niemand hört gerne Begriffe wie Problemfamilie, Risikokind oder Opfertyp. Dennoch zeigt uns die Realität, dass bei vielen Opfern Auffälligkeiten im familiären Bereich festgestellt werden können. Oft haben die Eltern Beziehungsprobleme, leben in Trennung oder wirtschaftlicher Not.

Kann man Kinder vor einem Übergriff schützen?

Eine absolute Sicherheit gibt es nicht. Die Eltern sollten aber die hierzulande verbreiteten Erziehungsgrundsätze überdenken. Kinder sollten nicht angehalten werden, sich gegenüber Erwachsenen grundsätzlich offen und höflich zu verhalten. Eine zurückhaltende Skepsis wäre auch angebrachter.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben