Berlin : Unaufgeklärte Morde: Der stille Geschäftsmann

Katja Füchsel

Vogelgezwitscher, das Rauschen der Blätter im Wind, zuweilen auch mal ein Auto. Aber dieser Knall, der am späten Nachmittag in der Zehlendorfer Nebenstraße die Stille zerriss, passte nicht zu der hier üblichen Geräuschkulisse. Die Menschen mögen in ihren 30er-Jahre-Villen kurz aufgeschaut und sich dann gesagt haben: natürlich, eine Fehlzündung. Jeder andere Schluss lag zu fern. "Keiner der Nachbarn konnte den Knall richtig zuordnen", sagt auch Norbert Preuschoff, Chef der neunten Mordkommission.

Es war der Moment, als Piotr Blumenstock zwischen den Bäumen des kleinen Parks zusammenbrach. Eine Kugel hatte dem Zehlendorfer am 6. Mai 1999 auf seinem Heimweg den Kopf durchschlagen. Als eine Radfahrerin wenig später den schwer Verletzten entdeckte, war es für ihn bereits zu spät: Blumenstock starb drei Tage später im Krankenhaus. Er war ein stiller, höflicher Geschäftsmann gewesen, der bei seinen deutschen Partnern einen untadeligen Ruf genoss. "Blumenstock hat niemand übers Ohr gehauen, eher im Gegenteil", sagt Norbert Preuschoff und zieht das Foto des Opfers aus der Akte: dunkles Haar, Fransenpony, die dunklen Augen blicken freundlich in die Kamera.

Ein umgänglicher Mensch

Piotr Blumenstock lebte mit seiner dreiköpfigen Familie seit Jahren in der 30er-Jahre-Hufeisensiedlung an der Albigerstraße. Auf der Wiese im Hof der Siedlung treffen sich die Nachbarn auch heute noch im Sommer, um gemeinsam zu grillen, zu essen und zu feiern. "Da haben wir auch mit Piotr die ein oder andere Tasse gehoben", sagt einer der Wohnungseigentümer.

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Blumenstock, der in Warschau geboren wurde und seit Jahrzehnten die deutsche Staatsangehörigkeit besaß, sei ein umgänglicher Mensch gewesen, auch, wenn er "immer einen etwas dubiosen Eindruck" vermittelt habe. Mit seiner Firma, den regelmäßigen Fahrten in den ehemaligen Ostblock und mancher Gepflogenheit. "Piotr trug beispielsweise kein Portmonee, sondern die Geldscheine dick gebündelt in der Hosentasche", erzählt ein Nachbar. Außerdem seien dem Geschäftsmann vor dem Mord mehrmals die Reifen seines Mercedes-Geländewages zerstochen worden.

Blumenstock handelte mit Pharmazeutika, das Firmenbüro lag ebenfalls in der Hufeisensiedlung. Seine Ware kaufte der Unternehmer in Westdeutschland an, zum Verkauf transportierten er oder sein Angestellter die homöopatischen Mittel mit einem Lastwagen nach Osteuropa. Das Geschäft schien gut zu laufen, so gut, dass Piotr Blumenstock nicht jedes Mal auf fristgerechte Auszahlung angewiesen war. Preuschoff: "Zum Zeitpunkt seines Todes standen bei seinen osteuropäischen Partnern erhebliche Summen offen, mehrere hundertausend Mark."

Vielleicht weigerte sich einer von Blumenstocks Schuldnern zu zahlen. Vielleicht wurde der Unternehmer erpresst. Vielleicht wollte ein Konkurrent aber auch seinen lukrativen Markt übernehmen. Blumenstocks Frau wusste nichts über die Geschäfte ihres Mannes. "Sie verdächtigte die Schwester des Opfers", sagt Preuschoff. Weil die Geschwister nach den Angaben der Witwe seit Monaten bitterlich gestritten hatten, zögerten die Ermittler nicht: Noch am Abend des 6. Mai nahmen sie die Schwester, ihren Lebensgefährten und Mitbewohner fest - allerdings nur für die Dauer einer Nacht. Denn die Ermittler konnten bei Festgenommenen nichts Verdächtiges finden: keine Waffe, keine Schmauchspuren, auch die Alibis klangen glaubhaft.

In anderen Wohngegenden wären Preuschoff und seine Leute bei den Von-Haus-zu-Haus-Befragungen leer ausgegangen, die Zehlendorfer Anwohner hingegen hatten Interessantes zu berichten. Einige von ihnen hatten in den Wochen vor dem Mord einen weinroten Passat bemerkt, der immer mal wieder mit einem Fremden am Steuer am Straßenrand parkte. Die Nachbarn beschrieben übereinstimmend einen Mann mit Basecap im Fond, die angefertigten Phantombildzeichnungen halfen aber nicht weiter. "Da sah jede Zeichnung anders aus", sagt Preuschoff.

Ein anderer Nachbar erwies sich als hilfreicher: Er hatte sich das Kennzeichen des verdächtigen Passats notiert. Die Polizei fand den als gestohlen gemeldeten Wagen wenige Tage später in der Nähe des Olivaer Platzes. Verlassen, aber nicht leer. "Wir haben Spuren des Verdächtigen sichern können", sagt Preuschoff. Zu dem entschlüsselten genetischen Fingerabdruck fand sich bislang allerdings kein Pendant in der Datenbank.

Blumenstocks damals 42-jährige Witwe sagte der Polizei, dass ihr Mann dem Attentäter geradezu arglos entgegengetreten sein muss. Sie und der 13-jährige Sohn jedenfalls hatten an Piotr Blumenstock damals nichts Außergewöhnliches bemerkt. Sie wussten von keiner Erpressung, keiner Drohung und erinnerten sich lediglich an ein paar mysteriöse Anrufe: Zwei Russen hatten sich bei der Ehefrau mehrmals nach ihrem abwesenden Mann erkundigt, meldeten aber zur verabredeten Zeit nicht wieder. Eine Banalität, die erst durch den Mord an Bedeutung gewann.

Der Fremde im Passat, die Anrufe, der Kopfschuss im Park: Alles deutet daraufhin, dass Blumenstock Opfer eines sorgfältig geplanten Auftragsmordes wurde. Preuschoff vermutet die Hintermänner in Warschau, Lettland oder Litauen. Ein Rechtshilfeersuchen ist gestellt, den Behörden jenseits der Grenze fehlt aber offenbar die nötige Entschlossenheit.

Ein winziger Trost bleibt dem Chef der "Neunten": Sollte es der Mörder damals tatsächlich auf Blumenstocks Einnahmequelle abgesehen haben, dürfte er leer ausgegangen sein: "Seine ehemaligen Partner aus Westdeutschland wickeln den Handel jetzt über eine Firma in der Schweiz ab."

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