Berlin : Unaufgeklärte Morde: Frisur? Unwichtig!

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Sie verstehen sich nicht als Künstler und ihre Arbeiten nicht als Kunstwerke. Ihre Werke werden dutzendfach kopiert und verbreitet. Der Einsatz von Computern hat ihre Arbeit erleichtert. Trotzdem ist manuelle Präzision noch immmer gefragt. Was Polizeizeichner schaffen, ist aus den Medien bekannt: Phantombilder gesuchter Straftäter. Fünf Frauen und Männer arbeiten in der Zeichenstelle, die an der Keithstraße in Schöneberg untergebracht ist. Dort, wo, unter anderem auch Mordkommissionen sitzen, die häufig auf die Arbeit der Zeichner zurückgreifen. Nicht selten der letzte Strohhalm für die Fahnder auf der Suche nach einem Täter.

Als zu Jahresbeginn nach dem Entführer der Schülerin Sophia Wendt gesucht wurde, ließ die ermittelnde Dienststelle nach der Beschreibung der neunjährigen Schülerin aus Marzahn auch ein Phantombild zeichnen. Eine Psychologin saß dabei, um das Mädchen, das sich drei Tage lang in den Händen eines Unbekannten befand, zu betreuen. Zum Schluss aber wurde das Bild doch nicht veröffentlicht. Das Mädchen konnte die Ohren und Augen des gesuchten Mannes nicht beschreiben.

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Er habe einen "komischen Blick" gehabt, sagte Sophia Wendt, war aber nicht in der Lage, dies genauer zu erklären, damit es die Zeichnerin umsetzen konnte. Andere Details, zum Beispiel die Wohnung, in der sie festgehalten wurde, und die Eingangstür des Hauses, konnte Sophia wiederum sehr genau beschreiben. Der Täter wurde schließlich festgenommen. Es stellte sich heraus, dass die Schülerin die Einrichtung der Wohnung exakt beschrieben hatte.

Es sind bestimmte Fixpunkte, wie die Form des Kopfes, die Augenpartie oder die Nase eines Menschen, die ihr Aussehen besonders bestimmen. Alles andere, Ohren, Haaransatz, Frisur, Kinnpartie, Wangen, vervollständigen zwar das Bild vom Gesicht eines Menschen, sind aber nicht so entscheidend. Als eines Tages ein Zeuge sagte, der Täter habe die Kopfform des Sängers Jürgen Drews, aber niemand diesen aus dem Kopf zeichnen konnte und das spezifische Detail auch im Computer nicht zu finden war, half die moderne Technik weiter: Die Beamten beschafften ein Porträt von Jürgen Drews aus dem Internet.

300 bis 350 Phantombilder werden jährlich erstellt, eine Auswahl plakatiert die Wände der Zeichenstelle. Die Klienten, die in das Büro kommen, hinterlassen bei den Mitarbeitern der Zeichenstelle manchmal einen nachhaltigen Eindruck: Da war der Mann, der sich die Schuhe auszog - er brauchte den Bodenkontakt, erinnern sich die Zeichner noch heute amüsiert. Dann habe er zu tanzen begonnen. Ob das den Erfolg bei der Erstellung des Phantombildes förderte, haben die Spezialisten vergessen. Andere Zeugen lehnen schon mal einen Zeichner oder eine Zeichnerin ab, weil sie feststellen, dass "die Chemie nicht stimmt". Und dann war da noch der Zeuge, dessen Eltern Opfer eines Raubmordes geworden waren. Er beschrieb den Zeichnern detailgenau den entwendeten Schmuck seiner Mutter. Später wurde der Mann selbst als Mörder seiner Eltern überführt.

Als besonders aufmerksame Beobachter, die sich an viele Details erinnern, gelten Verkäuferinnen, Bankangestellte, Taxifahrer, Friseure - "alle diejenigen, die mit Menschen zu tun haben", berichten die Zeichner. Aber auch Kinder nehmen meist mehr Einzelheiten als Erwachsene wahr. Und seien es nur Kleinigkeiten wie beispielsweise ein Knopf an einem Kleidungsstück, der mit einem anderen Faden angenäht wurde als die übrigen Knöpfe.

Keiner der fünf Polizeizeichner ist Polizist. Sie alle haben zivile Berufe erlernt. Nur wenig spektakuläre Fälle haben sich ins Gedächtnis der "Phantomzeichner" eingebrannt. An "Dagobert", den Kaufhauserpresser, erinnern sich alle noch. Vieles geht aber in der täglichen Routine unter. Denn sie zeichnen nicht nur Gesichter, sondern auch Kleidungsstücke, mit deren Hilfe möglicherweise bereits stark verweste Leichen identifiziert werden könnten. Oder gestohlenen Schmuck. Und hin und wieder - zumeist wenn Kollegen in den Ruhestand gehen - werden Erinnerungsbilder der Mitarbeiter gezeichnet - möglichst originalgetreu.

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