Berlin : Unaufgeklärte Morde: Mit der Liebe zum Chaos

Katja Füchsel

Das Telefonklingeln ignoriert er. Die Beine liegen ausgestreckt unter dem Tisch. Nur der Kugelschreiber, der zwischen den Fingern ständig in Bewegung bleibt, verrät bei Jochen Sindberg eine gewisse Rastlosigkeit. Sindberg trägt an diesem Vormittag Bluejeans, ein weißes Hemd, darüber eine helle Weste. Nein, sagt der Chef der Berliner Mordinspektion, er sei noch nie ein typischer Vertreter von Sicherheit und Ordnung gewesen. "Dazu liebe ich viel zu sehr das Chaos."

Sindberg, 38, kann das so sagen. Niemand käme auf die Idee, hier einen Anarchisten vor sich zu haben. Eher so eine Art Adrenalin-Liebhaber, der erst in der Hektik richtig aufgeht. Der fast darauf wartet, die Türen des schlichten, grauen Schranks in seinem Büro aufzureißen. "Unser Einsatzschrank", sagt Sindberg. Letztens, als die Schülerin Sophia Wendt verschwunden war, verwandelte sich Sindbergs Büro wieder einmal in eine Art Zentrale: Kollegen trugen mit einem Filzstift auf vier großen Tafeln erste Erkenntnisse und Spekulationen zusammen. Telefonapparate und Faxgeräte wurden auf den Tischen verteilt, während Sindberg aus dem Schrank erprobte Checklisten herausgab. "Unsere Spickzettel", sagt Berlins oberster Ermittler in Sachen Mord, und es gelte: "Je hektischer, desto spicker."

Seit zwei Jahren koordiniert der Kriminaloberrat die Arbeit der neun Berliner Mordkommissionen, rund 80 Mitarbeitern zählen dazu. Morde sind besonders oft Beziehungstaten. Und Mord-Ermittler sind, statistisch gesehen, überaus erfolgreich. Sie klären von rund 120 Fällen jährlich um die 90 Prozent. Kompliziert wird es, wenn offenbar ein Fremder zugeschlagen hat, es ein Opfer gewissermaßen zufällig traf. In diesen Fällen, sagt Sindberg, "fahre ich grundsätzlich auch zum Tatort".

Es sind weniger die Routinefälle, die Sindberg reizen. Ihn faszinieren die Täter, bei denen er "krummdenken muss", um ihnen auf die Schliche zu kommen. Weil sich ihr Geist auf der dunklen Seite des Lebens bewegt. Sie einer Logik folgen, die mit den "normal menschlichen Maßstäben" nicht zu erfassen sind. Wie beispielsweise im Fall von Dieter H., einem 49-jährigen Bauhelfer. Sechs Wochen lang hatte der Entführer 1999 eine junge Modedesignerin in einem Verlies gefangengehalten, sie immer wieder vergewaltigt, gefoltert und gedemütigt.

Sindberg berichtet in unbewegtem Tonfall von der Nacht, in der die Frau befreit wurde: Ein scheinbar spießig-bürgerliches Haus. Pedantisch gepflegtes Werkzeug im Keller. Und zu jedem Raum im Kellerverließ ein Schlüssel und zu jedem Schlüssel ein bunter Plastikanhänger: "Todestrakt" stand auf dem einem, "Spezialbehandlungsraum für Sklavin" auf einem anderen. Solche Fälle, sagt Sindberg, "bleiben schon an einem hängen". Vorübergehend zumindest. Sindberg kann nicht genau erklären, wie es funktioniert, aber er und seine Kollegen hätten die Fähigkeit entwickelt, das "gemeinsam Ertragene auch gemeinsam zu bewältigen". Keine Ausfälle in den Mordkommissionen wegen psychischer Probleme? Seit Jahren kein Einziger, sagt der Chef.

Es ist schon eine ganz spezielle Profession, bei der es für jede neue Aufgabe gewissermaßen nach einer Leiche verlangt. Sindberg versucht nicht, bei jedem Fall Betroffenheit vorzutäuschen. Er hat in seiner Laufbahn zu viele gescheiterte Existenzen und zerrüttete Familien gesehen. "Oft ist es für mich ein Stück weit verständlich, dass das passiert ist."

Aufgewachsen ist der heutige Kriminaloberrat in Reinickendorf, der Vater verdiente als Schutzmann sein Geld. Nach dem Gymnasium entschied sich der Sohn für die Kriminalpolizei. Er besuchte die Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege, schloss sehr gut ab und wechselte anschließend von Stelle zu Stelle. Die Liste ist alles andere als vollständig: Kraftfahrzeugkriminalität, Führungsstab für EDV-Planung, Trickdiebstahl, Amtsdelikte, Brandinspektion - länger als zwei Jahre hielt es ihn fast nirgendwo. Muss das so sein? "Was?", fragt er lachend und beschreibt sich dann gewissermaßen selbst: "Ständig als Durchlauferhitzer zu arbeiten, der pausenlos Unruhe stiftet und dann wieder abhaut?"

Als Sindberg, für immerhin fünf Jahre, beim "Landeskriminalamt Einsatz und Koordination" arbeitete, kam er zu seinem "ersten ganz großen Fall": dem Zehlendorfer Tunnel-Coup, eines der spektakulärsten Verbrechen der Berliner Nachkriegsgeschichte. Am 27. Juni 1995 überfielen sechs maskierte Männer die Commerzbankfiliale am Schlachtensee und erbeuteten neben 5,6 Millionen Mark Lösegeld vermutlich weitere 10 Millionen Mark aus 200 aufgebrochenen Schließfächern. Achtzehn Stunden lang hielten die Gangster 16 Geiseln gefangen, stellten eine Forderung nach der anderen - und entkamen schließlich durch einen selbst gegrabenen Tunnel.

"Die Superhirne" nannten Zeitungen die Gangster, während die Polizei verspottet wurde. Und was dachte Führungsstabsleiter Sindberg, als er am verlassenen Tunneleingang stand? "Im ersten Moment: Ach, du Scheiße!" Aber bei dem Gedanken, was wohl geschehen wäre, wenn seine Kollegen den Zugang entdeckt und dann den bewaffneten Männern gegenübergestanden hätten, habe sich noch im Tunnel ein Gefühl der Erleichterung eingestellt. Sindberg ist ehrgeizig, der Spott muss ihn damals getroffen haben - anmerken lässt er es sich nicht. Zumal die Polizei den längeren Atem bewies: 1996 wurden die Geiselnehmer zu langen Haftstrafen verurteilt.

Bei der Mordkommission hat sich der einstige Durchlauferhitzer jetzt offenbar auf eine Überlänge eingerichtet. "Das ist kein Drehtürjob", sagt Sindberg. Von oben nach unten, von rechts nach links - dem Kugelschreiber muss inzwischen speiübel sein. Plötzlich scheint aber auch vom Inspektionschef die Gelassenheit abzufallen. Nein, sagt Sindberg, während er leicht das Kreuz durchdrückt, lieber nicht, nichts über sein Leben nach dem Feierabend. "Ich muss das Dienstliche nicht mit dem Privaten vermengen." Also nur soviel: Jochen Sindberg ist verheiratet, hat drei Kinder, schwimmt, spielt Hockey - und Schluss.

0 Kommentare

Neuester Kommentar