Berlin : Unaufgeklärte Morde: Tatwerkzeug Bagger

Christine-Felice Röhrs

Bevor Wolfgang Grimmer in den Urlaub fährt, sichert er sein Haus: Er verschraubt Dachfenster. Schließt Riegel an Fenstergriffen. Und legt eine Stange innen vor die Haustür. Nein, Grimmer ist kein Neurotiker. Er ist ein Profi. Als Kriminaltechniker sieht er tagtäglich, was Einbrecher anrichten. Das soll ihm nicht passieren.

Im Berliner Landeskriminalamt und dort innerhalb des "Instituts Polizeitechnische Untersuchung" leitet Grimmer die Arbeitsgruppe PTU 23. Da beschäftigt sich der Erste Kriminalhauptkommissar schon seit 21 Jahren auch mit Werkzeugspuren. Anhand der oft nur winzigen Reste, die beispielsweise bei einem Mord zurückbleiben, schließt er darauf, was in jener Nacht passiert sein muss. 22 500 so genannte Spurenträger - Holzstückchen, Schlossreste, Kunststoffteile - haben die Kollegen aus den örtlichen Polizeidirektionen Grimmer und seinen 24 Mitarbeiter im vergangenen Jahr ins Labor gesandt. 500 Mal sind die Experten selber ausgerückt, um Spuren zu sichern.

Die Beweisstücke - Asservate im Amtsjargon - stammen immer von Tatorten, an denen etwas aufgebrochen wurde: eine Geldkassette, eine Tür oder ein Stahlschrank. Da wurde dann meist gestohlen, manchmal aber auch gemordet, vergewaltigt oder Brand gelegt. Grimmer, ursprünglich Ingenieur für Werkstoffwissenschaften, ist ganz froh, dass er nur mittelbar mit den Tätern zu tun. "Menschenjäger" wie die Kollegen vom Mord- oder Raubdezernat wäre er ungern. Er findet, dass man beim täglichen Kontakt mit den "Beschuldigten und deren Milieus leicht depressiv werden kann".

Statt dessen vertieft sich der 50-Jährige mit Akribie in das, was die Verbrecher hinterlassen. Zunächst nimmt er die Indizien unters Makroskop, das eine 80fache Vergrößerung erlaubt. Entweder das Objekt selbst oder die braunen Plättchen aus getrocknetem Mikrosil, einer nutella-ähnlichen Silikonmasse, mit der die Kollegen am Tatort Abdrücke der Spuren gemacht haben. Zu erkennen, welches Werkzeug welche Merkmale hinterläßt, ist Übungssache, sagt Grimmer: Hebelwerkzeuge machen andere Spuren als Schneidegeräte oder greifende Werkzeuge. "Das da zum Beispiel", sagt er und weist auf Rillen, die aussehen wie die Butter nach dem Messer, "das war ein Schraubendreher mit Vorderkantprägung".

Einmal war es ganz schön kniffelig. Da war am Tatort aus einer Hauswand ein riesiges Stück herausgerissen. Ein Racheakt - der Täter war mit dem Bagger angerückt. Um den Verdächtigen zu überführen, mussten die Experten vom mutmaßlichen Tat-Bagger Vergleichsspuren abnehmen. Aber wie das, von so einem Riesending? Grimmer löste das Problem, indem er Bleche über das Metall zog und die Schleifspuren mit denen an der Hauswand verglich. Bis auf den Schaufelzinken genau konnte die Tat"waffe" bestimmt werden.

Im Labor ist die Bestimmung des Werkzeugs einfacher. Meist genügt ein Blick durchs Mikroskop auf die manchmal nur 0,7 Millimeter breiten Kratzerchen, um das Gerät zu identifizieren. Die Talentierten der Branche schaffen das nicht nur mit bloßem Auge - sie können, allein aus ihrem fotografischem Gedächtnis heraus, die Spuren den Zwillingen zuordnen, die unter 20 000 anderen im Sammlungsraum lagern. "Ohne je das Tatwerkzeug gesehen zu haben oder den Täter zu kennen, können wir Serien seiner Einsätze zusammenstellen", erklärt Grimmer. Manche Einbrecher sind über ihre Handhabung des Werkzeugs schon gute alte Bekannte geworden.

Nachdem die Spurenprobe sorgfältig mit einem Etikett versehen und in einem Kästchen in einer flachen Schublade abgelegt wurde, gibt Grimmer die dazugehörigen Fakten verkürzelt in die eigens dafür erfundene Datenbank ein: Art des Werkzeugs, Tatzeit- und Ort, Berliner Bezirk und Art des Vebrechens. "BSDEFH" steht da oft - "besonders schwerer Diebstahl im Einfamilienhaus". Auf Wunsch gleicht der Computer einander ähnelnde Datensätze ab, und über den Vergleich der jeweiligen Werkzeugspuren finden die Beamten wieder neue Zwillinge, neue Serientäter - 500 Treffer im Jahr.

Andersherum geht es auch: Tauchen bei der Festnahme oder bei einer Hausdurchsuchung verdächtige Werkzeuge auf, die zu den Spuren eines bestimmten Verbrechens passen könnten, dann kratzt Grimmer mit diesem Werkzeug eine Spur in Blei, was wegen seiner Weichheit gut geeignet ist, holt die Tatort-Probe aus dem Sammlungsraum und vergleicht diese mit der selbstgemachten. Erfolgsquote: Rund 600 identifizierte Tatwerkzeuge im Jahr. Der Rest ist Aktenschreiben und Aussagen vor Gericht als Sachverständiger.

Was als Handarbeit funktioniert, würde natürlich mit dem Computer schneller und einfacher, natürlich aber auch teurer. Die Haushaltssperre, die die Poizeiarbeit schon seit Beginn des Jahres behindert, gefährdet auch ein Forschungsprojekt, das die Kollegen in einem der 25 Zimmerchen ganz hinten im PTU-Flur realisieren möchten: Sie versuchen ein Computersystem zu erstellen, bei dem die Spuren im Bild digital eingescannt werden können. Wie bei AFIS, dem Automatischen Fingeridentifizierungssystem, können so Tatort- und Vergleichsspuren sofort vom Computer gegeneinander abgeglichen oder an andere Dienststellen verschickt werden. So eine Erleichterung wäre sehr willkommen - Grimmer zeigt einen zehn Zentimeter dicken Stapel mit Aufträgen allein aus der vergangenen Woche. Denn seit 1998 ist die Anzahl der zu untersuchenden Spuren von 6000 im Jahr auf bis zu 22 500 im Jahr 2000 angestiegen. Nicht, weil die Verbrecher aktiver geworden sind, sondern, weil die Beamten in den Ortsdienststellen geschult worden waren.

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