Berlin : Unbefangene Herrenrunden am Abgrund

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Es lohnt sich wieder mehr, ins Rote Rathaus zu gehen. Dort gibt es während der werktäglichen Öffnungszeiten im dritten Stock neuerdings eine Fotoausstellung zu sehen, mit der André Schmitz , der Leiter der Senatskanzlei, gegen die Geschichtslosigkeit des Gebäudes ankämpfen will. Zu sehen sind Fotos von Erich Salomon und Henry Ries. Eindrucksvolle Aufnahmen hochkultivierter, gediegener Bürgerlichkeit: Zuhörer beim Botschaftskonzert mit Richard Tauber, ein Konzert mit Furtwängler, fotografiert 1932, fröhliche Herrenrunden in den 20er Jahren. Die Bilder atmen eine Atmosphäre, die vollkommen unerschütterlich, unangreifbar scheint. Erich Salomon galt in der Weimarer Republik als Spezialfotograf für die Geheimtreffen von Politikern, aber in dieser Ausstellung sieht man, wie er auch gesellschaftliche Ereignisse in einer völlig zeitlosen Form festhielt. 1944 ist der Jurist in Auschwitz umgebracht worden. Im Kontrast dazu stehen die Fotografien von Henry Ries aus dem Jahr 1948: Berlin in Trümmern, abgerissene Massen vor dem Reichstag, Lautsprecherwagen in der Hardenbergstraße, hoffnungsvolles Warten auf die Rosinenbomber. Gerade der Kontrast mit seinem VorherNachher-Effekt wirkt berührend. Henry Ries , Jahrgang 1917, hatte, als er 1938 in den USA ankam, mal geschworen, dass er nie wieder deutsch sprechen wolle. Dabei blieb es nicht. Er wurde amerikanischer Staatsbürger und kehrte nach dem Krieg als Soldat zurück. Die Bilder, die er 1948-49 in Deutschland aufnahm, machten ihn schließlich weltberühmt. Im Juli will er höchstpersönlich aus New York kommen, um sich diese neue Dauerausstellung anzuschauen.

Auch wer keinen so weiten Weg hat, darf sich auf zehn (oder mehr) unverschwendete Minuten im Rathaus freuen. Bi

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