Berlin : Unbequemer Grenzgänger

Vor 50 Jahren wurde DDR-Dissident Heinz Brandt von der Stasi entführt/Von Michael Cramer

Foto: Ullstein/B. Friedrich Foto: ullstein bild - B. Friedrich
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Es sollte ein kurzer Besuch sein, es wurde eine lange Kerkerzeit. Mit dem Flugzeug war Heinz Brandt von Frankfurt am Main nach West-Berlin geflogen, wollte am 16. Juni 1961 – wenige Wochen vor dem Mauerbau – an einem Gewerkschaftskongress teilnehmen und nur kurz die neue Wohnung einer Bekannten anschauen. Als er wieder aus seiner Betäubung aufwachte, lag er in einer Zelle im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen.

Die Einladung war eine sorgfältig geplante Falle gewesen, seine Entführung persönlich von Stasi-Chef Erich Mielke angewiesen. Monate später wurde er trotz internationaler Proteste zu 13 Jahren Zuchthaus verurteilt. Erst 1964 kam Brandt wieder frei – es war der erste Erfolg einer weltweiten Kampagne der erst drei Jahre zuvor gegründeten Menschenrechtsorganisation Amnesty International. In der Bundesrepublik stritt er für einen humanen Sozialismus und schrieb das Buch: „Ein Traum, der nicht entführbar ist“.

Heinz Brandt, geboren am 16. August 1909 in Posen in einer jüdischen Familie, war zeitlebens ein unbequemer Grenzgänger, der seinen Idealismus nie verlor. Anfang der 30er Jahre in die KPD eingetreten, wurde er schon 1934 verhaftet. Erst war er sechs Jahre im Zuchthaus, dann folgten Jahre in den Konzentrations- und Todeslagern in Sachsenhausen und Auschwitz. Am Kriegsende wurde er im KZ Buchenwald von der US-Armee befreit. In Auschwitz gehörte er zu den Häftlingen, die die Vernichtungsmaschinerie dokumentierten und dieses Material aus dem Lager schmuggelten.

Wie viele Verfolgte des Nazi-Regimes glaubte auch Heinz Brandt, dass die Feinde seiner Feinde seine Freunde seien. Auch deshalb engagierte er sich nach dem Krieg in der KPD/SED und machte Karriere als SED-Sekretär der Ost-Berliner Bezirksleitung. Zugleich wuchs seine Kritik am Kurs von SED-Chef Ulbricht. Weil er 1953 während der „fünf Tage im Juni“ die streikenden Arbeiter der Maschinenbaufirma von Bergmann-Borsig unterstützte, wurde er im August 1953 aller Parteiämter enthoben.

Nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956, auf dem Nikita Chruschtschow in einer Geheimrede zum ersten Mal den Terror Stalins vor den Delegierten offenlegte, fuhr er nach Moskau, um sich nach dem Schicksal seiner Geschwister zu erkundigen, die vor 1933 vor den Nazis in die Sowjetunion geflohen waren. Er fand heraus, dass sein Bruder Richard der stalinistischen Säuberung zum Opfer gefallen und seine Schwester nach Sibirien verbannt worden war. Durch die Berichte, die er in Moskau zusammentrug, wurde ihm klar, „dass Stalinismus ein Millionen-Mord-Regime gewesen ist, und nicht das, was ich vorher angenommen hatte“. Heinz Brandt floh 1958 mit Frau und drei Kindern aus der DDR und arbeitete in Frankfurt am Main bei der Industriegewerkschaft Metall als Journalist.

Nach seiner durch die internationale Solidarität erzwungenen Entlassung zeigte er auch in der Bundesrepublik Zivilcourage und Engagement für Demokratie und Menschenrechte. Er nutzte seine internationalen Kontakte, um das nach dem britischen Nobelpreisträger benannte „Russell-Tribunal“ gegen den „Radikalenerlass“ zu organisieren, der 1972 von der sozial-liberalen Koalition auf den Weg gebracht worden war. Nicht nur Heinz Brandt, auch große Teile der 1968er-Generation hatten sich damals unter „mehr Demokratie wagen“ (Willy Brandt) etwas anderes als „Berufsverbote“ vorgestellt. In dieser Praxis sah 1978 nicht nur das Russell-Tribunal, sondern 1995 auch der Europäische Gerichtshof in Straßburg eine Verletzung der Menschenrechte. Heinz Brandt kritisierte später die Unterstützung der Gewerkschaften für die Atomkraft und gründete mit anderen DGB-Mitgliedern den „Aktionskreis Leben“. Ein daraufhin von der IG Metall eingeleitetes Ausschlussverfahren wurde angesichts einer breiten innergewerkschaftlichen Solidaritätskampagne schnell eingestellt. Gemeinsam mit seinem Freund Rudi Dutschke begleitete er die Gründung der Grünen.

Heinz Brandt schaute auch im Westen immer mit beiden Augen auf die zwei deutschen Staaten. Ich erinnere mich lebhaft an die große Demonstration 1975 gegen die bundesdeutsche Berufsverbotspraxis in West-Berlin, als er als Redner bei der Kundgebung auf dem Wittenbergplatz seine Solidarität auch mit den Berufsverbotsopfern einige Kilometer östlich betonte und stellvertretend für die vielen Betroffenen auch Robert Havemann und Wolf Biermann erwähnte. Die eine Hälfte der Demonstranten pfiff ihn aus, die andere applaudierte.

Mit großem Engagement setzte er sich für ein Russell-Tribunal zur Situation der Menschenrechte in der DDR ein, das aber nicht zustande kam. Im Herbst 1980 entstand auf seine Initiative die Bewegung „Solidarität mit Solidarnosc“. Deren Erfolg – eine wesentliche Voraussetzung für den Fall der Mauer in Berlin und des Eisernen Vorhangs in Europa – konnte er nicht mehr erleben. Er starb 1986 – ein Grab wollte er nicht, weil auch seine von den Nazis und Stalin ermordeten Eltern und Geschwister keines haben. Heinz Brandt ist in Berlin nicht vergessen. In Pankow wurde im ehemaligen Mauerstreifen eine Straße nach ihm benannt, in Weißensee eine Oberschule.

Der Autor ist Abgeordneter der Grünen im Europäischen Parlament.

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