Berlin : & Contra Pro

Christian van Lessen

Gute Vorsätze sind dazu da, sie zu brechen, sagt der Volksmund, der die ungeschminkte Wahrheit liebt. Was gibt es da nicht alles für Sprüche, die schon auf biblische Zeiten oder mindestens auf Goethe hinweisen, die also zeigen, dass gute Vorsätze und ihre Einhaltung geradezu ein ungelöstes Menschheitsproblem sind, wie die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Wir erfahren, dass der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist, was nun wirklich nicht ermuntert, sie zu fassen. Von moralischer Verpflichtung ist die Rede, die man sich selbst auferlegt, das klingt ganz furchtbar ernst.

So ernst und aufgebläht wie die Weisheit, der Vorsatz sei der Entschluss des Willens, etwas sittlich Gutes zu tun und Böses zu unterlassen. Gute Vorsätze, und nur von guten reden wir, sollte der weise Mensch ohnehin für sich behalten, denn mitgeteilt stellen sie auf merkwürdige Weise bloß, und das erst recht, wenn sie wenig später erwartungsgemäß nicht erfüllt werden. Warum also dieser ganze Zirkus?

Dieses Kokettieren mit Vorsätzen, die nach ein, zwei Tagen des neuen Jahres ohnehin vergessen sind und nur das schlechte Gewissen beruhigen! Gute Vorsätze zu fassen, bestätigt meist das Unvermögen, sie einzuhalten. Das mag sich antun, wer will. Der stille Wunsch, gehegt, nicht hektisch zum Jahreswechsel hervorgerufen, mag im Sehnen die Erfüllung finden. Der Vorsatz aber macht ihn gleich kaputt. Christian van Lessen

Ja, natürlich, so viele wie möglich. Endlich konsequent den Hausmüll trennen – super. Morgens ein Stündchen früher aufstehen – sehr gut. Ab nächster Woche jede kaputte Glühbirne durch eine Energiesparlampe ersetzen, beim Zähneputzen nicht mehr ständig das Wasser laufen lassen – hervorragend.

Silvester: Kein Termin im Jahr ist besser geeignet, um gute Vorsätze zu fassen. Das alte Jahr ist vorbei, und ab sofort, ab morgen, wird alles besser.

Man kann wieder von vorne anfangen, ändern, was eigentlich schon lange nervte. Nie wieder, zu keinem anderen Zeitpunkt des Jahres, hat man das Gefühl, alles so komplett im Griff zu haben. Nur am 1. Januar, da erscheint noch alles möglich: mit dem Rauchen aufzuhören, zehn Kilo abzunehmen, mehr Obst zu essen, einfach alles.

Klar, man sollte schon realistisch bleiben. Was nützen denn die besten Vorsätze, wenn sie von vornherein ziemlich absurd erscheinen. Schafft man es wirklich jeden Morgen um sieben Uhr ins Fitnessstudio? Nein, natürlich nicht. Andererseits: Auf das haargenaue Durchhalten kommt es bei guten Vorsätzen doch gar nicht an. So ein Vorsatz ist ja kein Knebelvertrag, viel mehr eine kleine Selbstmotivation. Und an die erinnert man sich schon, wenn es mal wieder darum geht, ob es wirklich Sinn macht, Müll zu trennen. Man muss im neuen Jahr nicht gleich sein ganzes Leben ändern. Aber ein bisschen verbessern darf man es schon.Katja Reimann

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