Berlin : „Und das ist gut so“

Dieser Satz stammt von Klaus Schütz. Heute wird er 80. Hermann Rudolph gratuliert

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Zehn Jahre war er Regierender Bürgermeister, nur Eberhard Diepgen bekleidete das Amt länger. Heute wird Klaus Schütz achtzig Jahre alt, unverändert in seinem nüchternen Charme, doch getroffen durch den Tod seiner Frau im Februar. Weiß man noch mehr von ihm, als dass er einmal die Stadt regierte? Was ist in Erinnerung geblieben von ihm und diesem Jahrzehnt zwischen 1967 und 1977? Nur, wie mittlerweile üblich, die Studentenrevolte? Also, zum Beispiel, die rüde Demo-Losung, die ihn als neuen Regierungschef begrüßte: „Brecht dem Schütz die Gräten/ alle Macht den Räten“ und seine böse Antwort:: „Schaut den Typen ins Gesicht“, deren erklärende Fortsetzung allerdings seltener zitiert wird: „dann werdet ihr erkennen, dass es ihnen nicht um den Rechtsstaat und die Demokratie geht!“ Oder wenigstens das Viermächteabkommen von 1971? Dass Schütz die Formel „Und das ist gut so“ prägte, weiß vermutlich nicht einmal sein Nach(-nach-nach-nach-nach)-folger.

„Logenplatz und Schleudersitz“ hat er seine 1992 erschienenen Erinnerungen genannt. Der Titel zeigt einerseits, dass Schütz im Regierungssessel nicht gerade einen Thron sah, andererseits dessen Unsicherheit erfahren hatte. In der gleichen Linie selbstkritischer Ehrlichkeit lag sein Eingeständnis, er sei keineswegs sicher gewesen, ob er der Richtige für das Amt war und ob das Amt für ihn richtig war. Dabei war er zeitweise populärer als sein Mentor Willy Brandt, blieb seinem Amt nichts schuldig – und war auf seine unaufgeregte Weise erfolgreich. Und als seine Partei, die SPD, in die Phase des Abstieg geriet und das Zugpferd wechseln wollte, gab er ein Beispiel für einen klaglosen Rückzug.

Die Leistung von Schütz ist nicht leicht zu erfassen. Man muss sich klar machen, dass der „Regierende“ damals ein „relativ schwieriges Amt“ war. Die Studenten wollten die Revolution, die Professoren, dass härter durchgegriffen wurde: Schütz musste Ruhe schaffen, damit der Lehrbetrieb weiterging. In Bonn begannen die Stürme der sozial-liberalen Ost-Politik, der in Berlin viele nicht über den Weg trauten. Ausgerechnet das Viermächteabkommen, das der Stadt bis 1989 ihre leidliche Existenz sicherte, wurde im Abgeordnetenhaus nur knapp akzeptiert – nicht nur wegen der Ablehnung durch die oppositionelle CDU, sondern auch wegen der Gegenstimmen und Enthaltungen in der SPD. Dieses mit sich verkämpfte West- Berlin, mit auf Krawall gebürsteten Studenten und Bürgern, die sich an der Erinnerung der Blockadestadt festhalten wollten, mit den Alliierten oben und Affären unten, versuchte Schütz zum Modell einer „normalen Stadt“ zu machen.

Das pragmatische Programm hat die Stadt durch heikle Zeiten gebracht, nicht ohne Kosten – siehe Steglitzer Kreisel –, aber mit Erträgen – siehe die Verpflanzung von Peter Stein und seiner Truppe von Bremen nach Berlin. Manches, was der Stadt noch heute gut ansteht, ist seine Hinterlassenschaft – etwa das Emigranten-Programm. Dabei hat Schütz nie verborgen, dass seine Passion nicht der Kommunalpolitik gehörte. Sie galt der Außenpolitik, und die zehn Monate, in denen er neben dem Außenminister Brandt Staatssekretär war, nennt er seine „schönste Zeit“. Dass er nach der Berliner Zeit Botschafter in Israel wurde, begriff er nicht als Trostpflaster, sondern als Aufgabe.

Der hohe Geburtstag rechtfertigt den Rückblick darauf, wie Schütz wurde, was er dann war: geboren in Heidelberg, mit zehn Jahren nach Berlin, Kriegshalbwaise, Flakhelfer, Krieg, der ihm die zerschossene Schulter hinterließ. Schütz gehört zu den Studenten, die sich der Gleichschaltung der Humboldt-Universität widersetzten, und war einer der ersten Deutschen, die in Amerika, in Harvard, studierten. Der Anwaltssohn ist ein Sozialdemokrat alter, neuer Schule: 1946 eingetreten, am Tage der Ablehnung der Zwangsvereinigung, kurze wilde Phase als Wilmersdorfer Juso-Vorsitzender, dann Aufstieg, einer aus der jungen Macher-Generation, die dazu beitrug, dass die SPD aus ihrem ideologischen Ghetto herauskam.

Einer der großen Regierenden? Man kann die Frage offen lassen, denn Klaus Schütz hat seine eigene Spur in die Nachkriegsgeschichte hinterlassen. Er hat in seiner gelassen-praktischen Art seinen Anteil an der Ermöglichung dieses West- Berlin, ohne das es das Berlin von heute nicht gäbe. Er hat das Leben und Überleben in dieser merkwürdigen Stadt gleichsam epigrammatisch umschrieben – nun doch, bei aller Zurückhaltung, mit einer kleinen Träne im Knopfloch: „Fern von Westdeutschland und mitten in der DDR. Mit oder ohne Ironie, mit oder ohne Arroganz. Aber mit einer Spur von Stolz, dessen niemand sich zu schämen braucht“.

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