Berlin : Und jetzt – die Einheit?

Europa war skeptisch. ZEIT-Autoren haben die Kritiker von damals besucht

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Berlin, November 1989. Als die Deutschen über die Maueröffnung jubelten, verdüsterte sich die Miene bei manchen Regierungschefs in Europa. Die ZEITAutoren Jürgen Krönig, Michael Mönninger, Michael Thumann und Johannes Voswinkel haben damalige Skeptiker in Moskau, Paris und London besucht. Die ungekürzte Fassung ihres Artikels erscheint am heutigen Donnerstag in der ZEIT.

Das Sträßchen durch den Kiefernwald bei Peredelki im Westen Moskaus führte einst zu den Villen privilegierter Werktätiger des Kremls. Heute stehen schwarze Jeeps vor den mannshohen Holzwänden, an denen Plaketten der Sicherheitsfirmen prangen. „Sie müssen 400 Meter geradeaus fahren, entlang der Häuser der Neuen Russen“, hatte Walentin Falin am Telefon den Weg beschrieben, mit dem Unterton des Abscheus.

Unter den Schlösschen der Neureichen sticht seine hellgelbe Datscha hervor. Seit 38 Jahren lebt Falin hier. Zur Amtszeit des Präsidenten Michail Gorbatschow galt er als bester Deutschlandkenner im Kreml – und als Kritiker der Vereinigung. Damit war er im Europa von 1990 nicht allein. In den großen Ländern löste das Aufeinanderzurennen der Deutschen bei einigen Freude, bei anderen Zurückhaltung oder Bestürzung aus. Die Berater von Michail Gorbatschow in Moskau, von François Mitterrand in Paris und Margaret Thatcher in London wurden zu Fürstenflüsterern in Europas entscheidenden Monaten. Wie denken sie heute über ihre Befürchtungen von damals?

Falin zählte zu den Moskauer „Germanisty“, die der damalige Präsidentenberater Georgij Schachnasarow als Angehörige „der alten Denkschule“ bezeichnet hat. Als „Berliner Mauer“ wurden sie von ihren Gegnern verspottet. „Sie waren eine besondere Sorte von Menschen, die sich durch hohe Professionalität und äußerstes Misstrauen gegenüber dem Objekt ihrer Untersuchungen, den Deutschen und Deutschland, auszeichneten“, sagte Schachnasarow. Warum war Falin damals so skeptisch gegenüber der Vereinigung Deutschlands?

Der 78-Jährige zeigt jenes regungslose Gesicht, das seine diplomatischen Gesprächspartner immer irritierte. Seine Antwort schlägt den Bogen weit zurück, zu Stalin. Falin sagt, dass der sowjetische Führer die deutsche Teilung niemals akzeptiert habe. Falin übergeht dezent, dass er noch kurz vor der Maueröffnung in Ost-Berlin angedeutet hatte, der Kreml könne seinen Willen „in eiserner Manier“ binnen weniger Stunden durchsetzen. Falin betont heute lieber: „Ich kam schon 1953 zu dem Schluss, dass die deutsche Einheit unausweichlich ist.“ Zu den Einheitsskeptikern will er nicht gezählt werden. „Viele, auch Mitterrand und Thatcher, befürchteten den Aufschwung des deutschen Nationalismus“, sagt Falin.

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Auf die Frage, wie man die Hegemonie eines wiedervereinigten Deutschlands in Europa verhindern könne, hatte Frankreichs Präsident Charles de Gaulle 1969 mit einem bösartigen Scherzwort geantwortet: „durch Krieg“. Als zwanzig Jahre später die Mauer fiel, wurde die zwiespältige Stimmungslage in Frankreich offenkundig: Jubel bei den Bürgern, Zurückhaltung bei den Politikern. François Mitterrands Strategie nach dem Mauerfall? Resignative Nichteinmischung – das ist noch die günstigste Lesart. Aber sowohl Mitterrands diplomatischer Berater Jacques Attali als auch der ehemalige Sprecher des Präsidenten, Hubert Védrine, bezeichnen Mitterrand heute als klaren Fürsprecher der Einheit. Mitterrands größte Sorge sei ein Rückfall ins „Europa von 1919“ mit zersplitterten Nationalstaaten gewesen, erinnert sich Védrine. „Wir befürchteten, dass Deutschland sich von Europa abwenden könne.“

Aber hat Frankreich seine Zustimmung zur Einheit nicht vom deutschen Verzicht auf die starke D-Mark abhängig gemacht? „Nur halb wahr“, sagt Védrine. Immerhin sei die Währungsunion schon auf dem EG-Gipfel im Dezember 1989 vereinbart worden. Damals wollten die Westdeutschen – vor allem die lafontainisierte SPD und die Grünen – von der Einheit noch gar nichts wissen. Mitterrand-Berater Jacques Attali sagt, die Franzosen hätten sogar, angestiftet durch Bundesbankpräsident Pöhl, auf Kanzler Kohl eingeredet, keinesfalls auf den ökonomischen Irrsinn des Wechselkurses von eins zu eins mit der Ost-Mark zu verfallen.

Was Paris 1989 ärgerte, war der Zehn-Punkte-Plan für eine deutsche Konföderation, den Helmut Kohl ohne Abstimmung mit den Franzosen erarbeitet hatte. Deshalb traf sich Mitterrand mit Gorbatschow, um mit der Androhung einer Entente zwischen Paris und Moskau die Deutschen sowohl einzubinden wie auch einzudämmen, erinnert sich Védrine. Mitterrand habe alles unternommen, um Gorbatschow nicht zu schwächen. Attali sagt, dass nicht Frankreich (wie Falin meint), sondern Gorbatschow und US-Präsident George Bush die größten Vereinigungszweifler waren. Die taktischen Bremsmanöver Mitterrands in der Vereinigungsphase deuten seine Berater als die Strategie des Präsidenten, das Gleichgewicht auch mit einem vereinten Deutschland zu bewahren. Das Gewicht des vereinigten Deutschlands sieht Attali heute im europäischen Gemeinschaftsprojekt mit Frankreich wohl abgefedert. Allein Védrine stört sich daran, dass die Deutschen gemäß der EU-Verfassung mehr Stimmen im EU-Rat haben sollen.

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In Deutschland, dem größten EU-Staat, sieht Margaret Thatcher auch heute noch „kein Land wie jedes andere“. Man könne ihm seine Zukunftsgestaltung nicht getrost allein überlassen. Es wäre „unverzeihlich naiv“ gewesen, die Tatsache zu ignorieren, dass „der deutsche Drang nach Dominanz zu meiner Lebenszeit zu zwei schrecklichen Weltkriegen und hundert Millionen Toten geführt hat“. In ihrem Buch „Statecraft“ erklärt Thatcher, warum sie mit Mitterrand und Gorbatschow versuchte, den Lauf der Geschichte aufzuhalten. Bis George Bush sie daran erinnerte, dass Einheit und Selbstbestimmungsrecht stets das Ziel westlicher Politik gewesen seien.

Der Kollaps der Nachkriegsordnung traf die politische Klasse Großbritanniens wie ein Schock. Man besaß anders als Frankreich keine europäische Strategie, die Deutschen einzubinden. Seltsame Pläne wurden erwogen, etwa eine vertragliche Sicherheitsgarantie für die Sowjetunion. So bedrückend wirkte die Vision eines „Vierten Reiches“, einer neuen Supermacht in der Mitte Europas. Heute hat das „German problem“ – obgleich immer im Blick britischer Außenpolitiker – an Brisanz verloren. Die Sorgen vor einem übermächtigen Deutschland sind abgeklungen.

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Doch Walentin Falin hadert bis heute in seinem Altersrefugium mit der Revolution von 1989. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion widmet er sich vor allem der Abrechnung mit Gorbatschow, den er zuletzt am 23. August 1991 sprach, und dessen Außenminister Schewardnadse: „Sie verübten Verrat an den Interessen der Großmacht Sowjetunion.“ Die Verschiebung der Sicherheitsgrenzen in Europa ist eine der Einheitsfolgen, die den russischen Patrioten und Denker des Kalten Krieges noch heute verdrießt. „Früher hatten wir eine Raketen-Vorwarnzeit von zwanzig Minuten, und jetzt sind es zwei“, empört er sich.

Mit der deutschen Vereinigung findet er sich missmutig ab. „Ich wollte immer ein einiges, friedliches Deutschland in Gerechtigkeit“, sagt Falin zum Abschied am Gartentor, nachdem er dem Besucher den selbst verlegten Steinweg gezeigt hat. „Doch so richtig ist die Einheit nicht gelungen.“ Mit Blick auf die stolze Zypresse, die ihm einst die Frau des stellvertretenden DDR-Außenministers Michael Kohl schenkte, klingt das fast versöhnlich.

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