Berlin : "Und nun, Herr Branoner, geht es um Sechs"

Brigitte Grunert

Weenn einer kämpfen kann, zollt man ihm auch Anerkennung, wenigstens sportliche. Das Wahlplakat der Arbeitssenatorin Gabriele Schöttler (SPD), auf dem ihr spitzer Stöckelabsatz dem joggenden Regierenden schmerzhaft auf den "Ebi-Schuh" tritt, findet selbst CDU-Wahlkampfleiter Matthias Wambach "was Orginelles". Nein, nicht der Koalitionspartner, bloß Walter Momper muss für die CDU irgendwie mit dem Teufel verwandt sein. Er will ja auch Eberhard Diepgen aus dem Roten Rathaus verdrängen, dem mit der roten Backsteinfassade. Dass er immer "ohne PDS" sagt, glaubt ihm die CDU prinzipiell nicht. Kommentar von CDU-Generalsekretär Volker Liepelt zur Momper-Werbung an den Türmen am Frankfurter Tor: "Mit dem zweideutigen Spruch "Rotes Rathaus ab Oktober 99" hat Momper nun unmissverständlich seine Marschrichtung für die Zeit ab Oktober 99 bekannt gegeben. Die Ortswahl ist eindeutig, der Spruch ist zweideutig und beides zusammen ist von Momper gewollt. Er scheint Freude an dem Spiel mit der möglichen PDS-Unterstützung zu haben. Für die Berliner gehört aber genau damit der Spaß auf." Nun brüten ein paar Sozis wie die Henne auf dem Ei über der Frage, ob die CDU die Wahlbürger in der ehemaligen Stalinallee aufgegeben hat und ob sie womöglich die Rathaus-Fassade schwarz anstreichen will.



Am Senatstisch darf gelacht werden. Nach einem längeren Vortrag von Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner (CDU) über die Rettung von Arbeitsplätzen bei ADtranz unter besonderer Berücksichtigung der Lieferung von U-Bahn-Wagen mit Hilfe von Senatszuschüssen nickte Eberhard Diepgen erleichtert, als der Besprechungspunkt fürs Erste erledigt war: "Und nun, Herr Branoner, geht es um Sechs." Wieso Gelächter? Weil es sich in den Ohren einiger wie Sex angehört hatte. Branoner trocken: "Ach ja, dafür bin ich auch zuständig." Da rief die stöckelnde Senatorin Gabi prustend über den Tisch: "Gratuliere, Herr Branoner!" Auch Innensenator Eckart Werthebach (CDU) soll sehr erheitert gewesen sein. Diepgen todernst: "Nein, nein, ich meine den Tagesordnungspunkt sechs." Und der fiel wieder ins Branoner-Ressort.



In seiner Rolle als Diepgens Medienbeauftragter gab Senatssprecher Michael Andreas Butz einen Empfang für Fernseh- und Filmproduzenten. Ein alter Herr, der ihn auch immerfort ansah, kam ihm so bekannt vor. Schließlich fiel der Groschen, man begrüßte sich herzlichst. Es war Ernest Hermann, ein Unternehmer aus Los Angeles, der öfter bei sich zu Hause Regierende Bürgermeister zu Gast hatte, so auch Diepgen. Hermann stammt aus einer Berliner Verlegerfamilie und emigrierte wegen der Judenverfolgung in die USA. Inzwischen steht er an der Schwelle zum 90. Lebensjahr, ist aber öfter in Berlin. Auf dem Rückflug habe er noch kurz in London zu tun, erzählte er Butz. "So fit sind Berliner, was die alles aushalten", findet der Senatssprecher.



Richtig. Diepgens Sprachrohr Butz denkt an Wahlkämpfer Diepgen, Butz-Stellvertreter Eduard Heußen (SPD) an Wahlkämpfer Momper. Heußen: "Seit einem halben Jahr steht Walter Momper unter Punktfeuerwerk. Es ist doch bewundernswert, mit welcher Haltung er das durchsteht." Wir lernen: Er kann nicht nur austeilen, sondern auch einstecken. Einem seiner Wahlhelfer wurde neulich "ganz flau, kleine Kreislaufschwäche von dem Stress". Spitzenpolitiker aber haben keine Nerven zu haben oder doch keine zu zeigen. "Wer glaubt, die kriegen mich nervlich kaputt, weiss nicht, welche existenziellen Gefahren ich schon überstanden habe", pflegt Momper zu sagen.



Politiker müssen höllisch aufpassen mit dem Wort. Renate Künast war hinterher nicht ganz glücklich mit ihrem Interview des Tagesspiegels, in dem sie sich vom rot-grünen Wahlziel schon verabschiedet hat: "Ich kann rechnen." Nun putzt Matthias Tang, der Pressesprecher der Grünen, gern ein "Missverständnis" blank: "Natürlich haben wir die Hoffnung nicht aufgegeben." Weil man ja sein Wahlziel prinzipiell nicht vor dem Wahlabend aufgibt. Andererseits will sich keiner Realitätsferne nachsagen lassen. Und die Grünen kennen ihre Basis: "Bei uns wollen nicht alle unbedingt regieren", so Tangs Kollegin Marie-Luise Dittmar.



Gewitzt sind sie auch, die Grünen. Zur Feier des vierjährigen Bestehens von Inforadio im Bahnhof Westend überreichten Frau Künast und die Grünen-Vorstandssprecher Andreas Schulze und Regina Michalik ein Geschenk ganz nach dem eigenen Programm: ein Kurbel-Radio mit erläuterndem Kärtchen: "Auch nach dem Atomausstieg noch einen guten Empfang garantieren Bündnis 90/Die Grünen." Dann verblüfften sie selbst den Chefredakteur mit der Vorführung des Geräts, das "ohne Steckdose funktioniert, wie eine Spieluhr". Kräftig die Kurbel gedreht, schon war der Strom da und er hörte seinen Sender.

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