Berlin : Und plötzlich lag der Scharnhorst da

Nach 61 Jahren kommen drei Dokumente zurück

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„Vor dem Zeughaus Unter den Linden stehen Lastwagen. Russische Soldaten verladen Gegenstände. Es geht drunter und drüber. Da liegt plötzlich etwas Rotes, Silbernes, Glänzendes vor meinen Füßen. In Sekundenbruchteilen entschließe ich mich, zuzugreifen. Ich spiele das naive Kind, werfe einen Lappen darüber und hüpfe wie beim Hopse-Spiel mit meiner Beute davon. Erst zu Hause, in der Oderberger Straße, packe ich den Fund aus ...“ Auf Tag und Stunde genau 61 Jahre später sitzt der 14-jährige Junge von damals im Deutschen Historischen Museum und übergibt seinen „Fund“ dem Generaldirektor Hans Ottomeyer. Der bezeichnet das unerwartete Geschenk – noch dazu kurz vor der Eröffnung einer Ausstellung, in der die drei Mappen, um die es hier geht, ihren Platz finden könnten – als „einen Moment des Glücks“.

Der heute in München lebende Kunsthändler Harry Beyer hatte damals drei gewichtige Scharnhorst-Dokumente mitgenommen. Sie galten in Fachkreisen als für immer verloren: ein Adelsbrief für Obrist-Lieutnant Gerhardt David Scharnhorst, am 16. September 1802 von König Friedrich Wilhelm unterzeichnet, dazu die Urkunde zur Ergänzung des Wappens durch zwei Preußische Adler für den Obersten Heinrich Wilhelm Gerhardt von Scharnhorst vom 5. März 1836 und eine Ehrenurkunde der Berliner Universität von König Friedrich Wilhelm IV. von 1853. Die Dokumente sind bestens erhalten, geradezu prunkvoll, mit goldenen preußischen Adlern und Eichenlaub-Bordüren. Die Schrift ist feinste Kalligraphie auf Pergament, zu einer Mappe gehört eine vergoldete Siegelkapsel des Königreichs Preußen mit dem Herrscherwappen im roten Majestätssiegel.

Harry Beyer nimmt die Scharnhorst-Dokumente mit, als er 1959 in den Westen geht, wo er in Schöneberg eine Kunsthandlung eröffnet, 1972 den Verband Berliner Kunsthändler gründet und 1974 die erste West-Berliner Kunstmesse „Antiqua“ initiiert. Danach eröffnet er in München ein Geschäft. Der lange Zeit preußenfeindlichen DDR wollte er die Mappen nicht überlassen, und es wäre dem 76-jährigen Kunstfreund nie in den Sinn gekommen, die Scharnhorst-Dokumente zu veräußern – „so etwas verkauft man nicht“, sagt der Mann, der sich als „Finder und Bewahrer“ sieht. Nun sei es an der Zeit, dass die Objekte wieder dahin kommen, wo sie hingehören. Lo.

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