Berlin : Und sie bewegt sich doch

Wie könnte Nofretete heute Abend wohl von Charlottenburg nach Tiergarten gelangen?

Lothar Heinke

Jeder möchte es wissen, aber keinem wird’s gesagt: Auf welche Weise gelangt eigentlich die Nofretete im Dunkel der Nacht zum Potsdamer Platz? Die schöne Ägypterin ist ja nur noch am heutigen Montag bis 18 Uhr im Stüler-Bau gegenüber dem Schloss Charlottenburg anzutreffen. Dann zieht sie aus und um, ihr Hofstaat und alles Ägyptische hinterher: Am Dienstag ab 10 Uhr kann sie im Kulturforum besichtigt werden. Aber man fragt sich doch: Was passiert in den 16 Stunden, die dazwischen liegen? Wird sie in der Sänfte getragen oder gefahren, aber womit?

Wir begeben uns hiermit auf Spurensuche und beginnen ganz seriös mit einer Frage an den Professor Dietrich Wildung, der das Ägyptische Museum leitet und damit wie so eine Art Ministerpräsident am Hofe Ihrer Majestät für alles Praktische zuständig ist. Was passiert denn nun am Montag, wenn Sie mit Ihrer Majestät ganz alleine sind? Der charmante Ägyptologe gibt schon mal zu, in seinem Leben wahrscheinlich mehr Zeit mit der Nofretete als mit seiner eigenen Frau verbracht zu haben, und dann sagt er: „Ach, wissen Sie, von Montag sechs bis Dienstag um zehn ist ein großes schwarzes Loch, ein Info-Loch gewissermaßen. Niemand wird etwas erfahren, auch Sie nicht.“ Hm. Was soll denn das nun? Der Umzug der hoheitsvollen Königin mit dem Schwanenhals in einem schwarzen Loch? Mitten in der Mediengesellschaft? Ohne Funk und Fernsehen? Das ermuntert uns nun aber sehr zu investigativer Leistungsbereitschaft, und so grübelt unsereins über diffizile Transportprobleme einer schrecklich alten, aber sehr schönen Königin.

Schwimmt sie geheimnisvoll auf dem Wasserweg, was sicher keiner vermutet? Kommt der Ägyptische Botschafter mit dem Wagen vorgefahren, seine Vorfahrin einladend? Stellt der Kanzler eine Staatskarosse samt Blaulicht und Eskorte zur Verfügung? Nehmen sie vielleicht gleich mehrere Wagen, sicherheitshalber, denn die kosmetisch zart bemalte Damenbüste aus Kalkstein mit Gipsauflage soll ja nicht einmal versichert sein? Denkbar wäre auch eine an den Fenstern abgedunkelte Stretch-Limousine, bei der man nie weiß, ob sich da gerade Udo Lindenberg oder Rolf Eden vergnügt?

Jetzt mischt sich der gesunde Menschenverstand des Tatort-Guckers ein: Viel zu auffällig das Ganze, denk doch mal in die andere Richtung! Also noch mal die Fakten rekapituliert: Direktor Wildung persönlich wird die 20-Kilo- Schöne aus dem Glashäuschen nehmen, wenn nach 18 Uhr die letzten Gäste weg sind. Dann werden für die Wissenschaft Fotos gemacht. Und schließlich muss Nofretete in die Kiste. Die ist klimatisiert, damit ihr der Berliner Winter nicht in die Ohren zwicken kann. Und wie weiter? Hier nun wird’s spekulativ. Es muss so unauffällig wie möglich geschehen. Und sparsam. Unsere Museen haben reiche Schätze, aber sonst sind sie arm wie die Kirchenmäuse. Also: Vielleicht tut es ein Velotaxi. Man könnte sich auch einen dieser Kleintransporter Marke VW-Caddy mit der Aufschrift „Sanitär-, Heizung und Bauklempnerei“ ausleihen, da kommt niemand drauf, dass da eine altägyptische Königin drinsitzt. Ich denke, es ginge auch mit der BVG: Raus zur nächsten Bushaltestelle (Schloss Charlottenburg), wo um 20.26 Uhr der 145er Richtung Zoologischer Garten fährt. Dort um 20.37 Uhr angekommen, Wechsel in den Bus 200, der sich um 20.40 Uhr Richtung Prenzlauer Berg in Bewegung setzt. Um 20.50 Uhr ist die Philharmonie erreicht. Dort geht’s spornstreichs ins Kulturforum. Es wird eine lange Nacht. Am nächsten Morgen um zehn blickt Nofretete durch ihre drei Meter fünfzig hohe Vitrine auf die ersten Besucher und lächelt den Professor an: „Den Trick mit der BVG macht uns so schnell keiner nach.“

Am morgigen Dienstag erscheint der Tagesspiegel mit einer Beilage zum Umzug der Nofretete.

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