Berlin : „Und weg ist Cem Özdemir“

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Von Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: Ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

Am Freitag trat der Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir von seinem Amt als innenpolitischer Sprecher bei den Grünen zurück und er verkündete, dass er bei der nächsten Bundestagswahl nicht mehr kandidieren will. „Dieses System verzeiht nichts“, schrieb die Hürriyet dazu am Sonnabend mit großen Buchstaben auf der Titelseite. Denn dem Grünen-Politiker wurde vorgeworfen, die Lufthansa-Bonusmeilen, die er für seine Dienstreisen von den Fluggesellschaften bekommen hat, für private Zwecke benutzt zu haben. Er konnte den Vorwurf nicht entkräften. Dazu zeigte die Hürriyet ein Foto von Cem Özdemir während seiner Pressekonferenz. Außerdem widmete die Zeitung fast die ganze Titelseite der Europa-Beilage: „Und weg ist er“, lautete die Überschrift. Die Hürriyet hatte in der Vergangenheit regelrechte Hetzkampagnen gegen Özdemir geführt, weil er sich häufig kritisch gegenüber der türkischen Politik geäußert hatte. Ausgerechnet dieser Zeitung hat er jetzt „sein letztes Interview“ gegeben. Das behauptete jedenfalls am Sonnabend die Hürriyet. Aber auch die kurdische Zeitung Özgür Politika, die auf türkisch nur in Europa erscheint, kannte keine Gnade: „Er ist genauso schnell abgestürzt, wie er hochgekommen ist.“

Auf der Titelseite der Milliyet hieß es am Sonnabend: „(…) und Cem Özdemir ist weg.“ Auf der „Europa-Seite“ im Innenteil schrieb die Zeitung: „Er hat das Notwendige getan.“ Etwas weiter unten zeigte auch diese Zeitung eine ältere Aufnahme von Cem Özdemir und einer ehemaligen Freundin. Darauf umarmt sie den Politiker und beide lächeln bis über die Ohren: „Von drei Geliebten waren zwei Journalistinnen“, schrieb das Blatt in der Bildunterzeile.

Am Sonntag legte die Hürriyet als einzige Zeitung kräftig nach. Das Boulevardblatt widmete die ganze erste Seite ihrer Europa-Beilage dem Rücktritt: „Fischer hat die Fäden gezogen“, titelte dieZeitung, weil angeblich der Außenminister Cem Özdemir den Rücktritt nahe gelegt hat. Und es hieß: „Er ließ seine Geliebte und seine Mutter fliegen.“ Die Zeitung zitierte wieder die Bild-Zeitung und zeigte die ganze erste Seite der BZ vom Sonnabend: „Grüner Raffke Özdemir raus“, hieß es darauf. Ganz unten auf der Seite zeigte die Hürriyet ein Foto, dieses Mal mit seiner aktuellen Freundin mit der folgenden Bildunterschrift: „Er war bekannt für seine wechselnden Beziehungen. Zuerst war er mit einer Iranerin, dann mit einer Türkin und dann mit einer Griechin zusammen. Nun ist herausgekommen, dass er seine Flugtickets seiner jetzigen Freundin gegeben hat.“

Trotz aller Aufregung kommentierte nur die Tageszeitung Milliyet das Thema. „Er hat sich selbst und uns ruiniert“, lautete die Überschrift. Kommentator Cem Uras bedauerte den Rücktritt. Er erzählte über das ganze Leben von Cem Özdemir, das für ihn bisher ein einziger Erfolg war. Zum Schluss schrieb er: „Schauen wir mal, wann wieder ein Politiker mit dem Format von Cem Özdemir in den Bundestag ziehen wird.“ Schauen wir mal, ob Cem Özdemir bei türkischen Zeitungen je in Vergessenheit geraten wird.

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