Berlin : Und wie das klingt

Der Rundfunkmechanikermeister Horst Dieter Schmahl restauriert in Kreuzberg alte Röhrenradios – aus Liebe zur Wertarbeit und zum guten Ton

Thomas N. Riens

Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Das „magische Auge“ glimmt auf, aus den Tiefen des „Nordmende Phono Super“ dringt ein Grummeln, das langsam zur Stimme wird: „A 2 Richtung Magdeburg: Sechs Kilometer.“ Röhrenradios aus den Sechzigern erwachen zum Leben wie Murmeltiere aus dem Winterschlaf. So bekommen sogar Staumeldungen eine romantische Färbung. Der Rundfunk- und Fernsehmechaniker-Meister Horst Dieter Schmahl hat viele der alten Musikmöbel aus dem Dornröschenschlaf geweckt. In seiner Werkstatt repariert und restauriert der 63-Jährige seit acht Jahren alles, was an Radios, Fernsehern und Plattenspielern mindestens 30 Jahre alt ist. Im historisch eingerichteten Ladenlokal der Zossener Straße 2 warten Hunderte Edelholz- und Bakelit-Schönheiten auf Sammler, romantische Jugendliche mit Neigung zu Omas Schellackplatten oder auf Ehefrauen, die ihren Männern ein Radio schenken möchten, das aus dem Geburtsjahr des Partners stammt.

Wer nicht älter als Baujahr 1926 ist, findet bei „Radio Art“, dem Laden von Horst Dieter und Karin Schmahl, den passenden Wellenfänger. Früher hatten die Schmahls einen ganz normalen Radioladen. „Aber dann kam die Zeit der Billigware zum Wegschmeißen. Andererseits haben auch immer mehr Leute ihre alten robusten Geräte zur Reparatur gebracht.“ So tüftelte Schmahl schon früh mit Liebe zum Detail nagelneue Farbfernseher in die Palisandergehäuse alter SchwarzWeiß-Glotzen.

Als 1997 das Rundfunkmuseum Berlin Teile der Bestände an die Schmahls verkaufte, spezialisierten sie sich vollends auf die alte Technik. Die fasziniert den Audiophilen immer noch. Mit verächtlichem Blick auf alle digitalen Krachdosen schwärmt er vom satten, warmen Röhrenklang. „Eine CD klingt so, wie Essen aus einer Chrom-Stahl-Küche schmeckt: leblos.“ Der Meister der Klänge erklärt, was einen Ton lebendig macht: „Der Röhrenklang in seinem Gehäuse hat eine gehöridentische Frequenz mit der menschliche Stimme. Beim Jazz muss ich das Zupfen der Finger des Bassisten hören.“ Das scheint nur mit einem Gerät Baujahr 1965 abwärts möglich. „In der großen Zeit der deutschen Radiobauer“, schwärmt Schmahl von der Zeit der 50er und 60er Jahre, „nahmen die Chefs die Radios mit nach Hause, um zu hören, wie das Gerät in den eigenen vier Wänden klingt.“ Die Radios aus edlem Mahagoni oder Makassarhölzern ahmten ihr Klangvolumen dem Instrumentenbau nach. Schmahls Hand streichelt einem „Zaunkönig“ von 1954 über den Korpus, als er eine Jugendsünde gesteht: „Während der Lehre in Köln habe ich 1958 versucht, so ein Gehäuse mit der Axt zu zerschlagen. Es ging nicht. Das war noch Tischlerarbeit!“

Die Wertarbeit zieht an. Sammler aus ganz Deutschland schätzen Schmahls Geschäft und seine Kompetenz. Auch Japaner kaufen gern mal ein richtig gutes Radio, und Amerikaner schwören auf solide Technik im Topdesign, die zwischen 50 und 1000 Euro zu haben ist. „Ich brauche zehn baugleiche Radios, um drei Top- und zwei passable Geräte daraus zu machen“, erklärt der Radio-Restaurator die Preisspannen. Am Schaufenster drückt sich derweil ein Liebhaber aus dem Prenzlauer Berg die Nase platt. Er hat reichlich Zeit, sich die Rundfunklegenden vom „Katzenkopf“ Telefunkens (1931) über Noras „Sonnenblume“ (1930) bis zu den „Volksempfängern“ und „Goebbelsschnauzen“ der Dreißiger von draußen anzuschauen, denn wer zu „Radio Art“ will, braucht Geduld. Der Laden ist nur wenige Stunden in der Woche geöffnet: „Wissen Sie, wenn ich bei der Fehlersuche so vertieft bin, dann stört die Kundschaft manchmal“, entschuldigt sich Schmahl. Ausgerüstet mit alten Messgeräten und mühsam beschafften Ersatzteilen erweckt der Meister manch totgesagtes Stück zu neuem Leben.

Am wichtigsten ist dabei der Staubsauger, denn sauber klingt besser. Der wartende Prenzelberger schaut öfter vorbei, Geduld wird belohnt. Mal entdeckt man in den Regalen ein knatschgelbes „aitron“ Handgelenkradio, das schon in den 70ern an Käfer-Rückspiegeln baumelte, mal erfährt man bei den Schmahls gratis und vortragsreif viel über die Technik-, Wirtschafts- und Designgeschichte des 20. Jahrhunderts. Der Radiomeister spricht über „Geradeausempfänger“, den Fünf-Röhrer „Völkerbund I“ von 1927 oder den „Heinzelmann“-Radiobaukasten, mit dem Grundig 1946 das alliierte Radioverbot unterlief. Grundig wurde nach Taiwan verscherbelt und auf einen Ghetto-Blaster „Vereinte Nationen I“ warten die Schmahls gern vergebens.

Radio Art, Zossener Straße 2, Kreuzberg. Do. und Fr. 12-18 Uhr, Sa. 10-13 Uhr. Internet: www.radio-art.de

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