Berlin : …und worüber sie sich ärgern

Die drei wichtigsten Gründe für den Protest

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Ständige Einmischungen von Seiten der Kassen und Politiker, die aus Ärztesicht eine vernünftige Therapie verhindern – und nun der jüngste Plan von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD): Sie will die fachärztliche Versorgung an die Polikliniken von Krankenhäusern verlagern, was der Arztpraxis um die Ecke ein Ende bereiten würde. Berlins niedergelassene Mediziner sehen viel Anlass, sich zu ärgern. Hier ihre wichtigsten Streikgründe:

Honorarbudgets: Fachärzte erhalten in der Regel für jeden Patienten pro Quartal ein bestimmtes Budget, das nach Punkten abgerechnet wird. So stehen einem Hautarzt 360 Punkte pro Patient zu, wobei jeder Punkt einige Cent wert ist. Doch alleine die erste Konsultation im Quartal ist nach dem gültigen Abrechnungskatalog 280 Punkte wert, wofür der Dermatologe im Schnitt 13 Euro erhält. Bleiben noch 80 Punkte, danach gibt es für nahezu alle weiteren ärztlichen Leistung im Quartal kein Geld mehr. Aus Sicht etlicher Kassen ist das gerechtfertigt, weil sie ohnehin ein Fünftel aller ärztlichen Leistungen als unnötig ansehen.

Mancher Patient kommt zwar nur einmal, doch andere umso häufiger, kontert die Kassenärztliche Vereinigung (KV) und hat ausgerechnet, , „dass sich die Zahlen unter dem Strich keineswegs ausgleichen“. Deshalb würden Urologen 14,5 Prozent ihrer Leistungen umsonst erbringen, die Gynäkologen sogar 23 Prozent. „Kein Wunder“, heißt es in Ärztekreisen, „dass sich Patienten, die häufig aufkreuzen, nicht gerade beliebt machen.“ Dies trifft besonders Menschen mit chronischen Leiden wie Parkinson oder Multiple Sklerose. „ParkinsonPatienten sind für uns zu einem wirtschaftlichen Risikofaktor geworden“, schreibt der Arbeitskreis der auf diese Krankheit spezialisierten Berliner Neurologen.

Arzneimittel-Regresse: Pro Patient darf jede Praxis im Quartal auch nur begrenzt Medikamente verschreiben. Neurologische Patienten haben beispielsweise Anspruch auf rund 40 Euro (Rentner 80 Euro). Wird das festgelegte Gesamtbudget einer Praxis für Arzneien um mehr als 15 Prozent überschritten, muss sich der Arzt dafür vor Prüfungsausschüssen rechtfertigen, was sehr zeitaufwendig ist und zum Regress führen kann. Manche Ärzte sollen fünf- bis sechsstellige Summen an die Kassen für verordnete Medikamente zurückzahlen, obwohl diese aus ihrer Sicht notwendig sind.

Die Pläne der Ministerin: Ulla Schmidt will die fachärztlichen Ambulanzen an den Kliniken ausbauen – auf Kosten der niedergelassenen Mediziner. Diese sagen eine „anonyme Behandlung voraus“. Den Vertrauensarzt um die Ecke gebe es dann nicht mehr, weil Klinikärzte in wechselnden Schichten arbeiten. Und erfahrungsgemäß müsse man dort auch länger warten. CS

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